Käufliche Liebe

Eins vorneweg: Prostitution ist nicht ok!

Nun wollte es der liebe Gott (und mein Bischof), daß es mich als Kaplan nach Pirmasens verschlägt. Eine Stadt am unteren südwestlichen Zipfel von Rheinland-Pfalz. Im 20. Jahrhundert (bis ca. 1970) haben ihre Einwohner ein goldenes Zeitalter erlebt: Pirmasens war DAS Mekka der Schuhindustrie – weltweit bekannt. Diese Zeiten sind vorbei. Heute kämpft die angeschlagene Stadt mit extrem hohen Arbeitslosenquoten, einer großen sozialen Kluft zwischen Arm und Reich und einer nahezu fehlenden Mittelschicht. In der Seelsorge macht sich das stark bemerkbar: Man erlebt Geschichten – bei Trauergesprächen, in der Schule, bei der Sakramentenspendung – die einzigartig sind. Eine solche Geschichte dreht sich um „unser Bordell“…

Vor etwa einem Jahr wurde gegenüber des Pfarrhauses ein Bordell eröffnet. Keines mit roten Lichtern, Leuchtreklame, großen Schildern und so. Ein einfaches Haus wurde angekauft: Das Schaufenster (früher war wohl mal ein Laden drin) ist mit einem geschmackvollen südländisch anmutenden Vorhang verhüllt. Am Briefkasten klebt ein „Herz für Kinder“-Aufkleber. Es wird nicht auf der Straße angeschafft. Alles geschieht diskret und im Verborgenen. Die Mädels, die hier arbeiten erwecken auch keinesfalls einen „nuttigen“ Eindruck. Wenn man sie mal über die Straße gehen sieht, wird man nett gegrüßt.

Die Chefin des Hauses, Frau H., ist eine adrette, freundliche und angenehme Persönlichkeit. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge und hat schon zu Beginn den Kontakt mit uns gesucht, um uns über den neuen Betrieb zu informieren. Dabei habe ich einen für mich ganz neuen Blickwinkel auf das „älteste Gewerbe der Welt“ kennen gelernt. So wusste ich nicht, daß es in einer kleinen Stadt wie Pirmasens 15 bis 20 solcher unscheinbaren Einrichtungen gibt (zusätzlich zu den von außen direkt als Sexbude erkennbaren).

„Es ist gut, daß wir da sind“, meint Frau H. „Stellen Sie sich vor, wieviel mehr Vergewaltigungen es ohne uns gäbe.“ meint sie. Hmmm, diese Sichtweise muss man nicht unbedingt teilen. Tatsache ist aber, daß der Betrieb floriert: Vom Lehrling mit der Rostlaube bis hin zum Manager mit dem großen Benz kommen die Kunden. Aus der Stadt und aus 50km Entfernung fahren sie herbei.

Frau H. erklärt, daß ihr Betrieb „sauber“ sei: Die Mädels sind angemeldet, kommen und gehen, wie sie wollen und entscheiden selbst, mit wem sie in die Kiste hüpfen. Zuhälterei ist ihr ein Dorn im Auge – auch das scheint es in Pirmasens zu geben: Frauen, denen der Pass weggenommen wurde. Die zum Anschaffen gezwungen werden. Ich mag hier ja nicht von „Sympathie“ sprechen – aber Ersteres scheint mir eindeutig die „bessere“ Alternative zu sein.

In der Pfarrei wird natürlich über das Bordell geredet: Manche verteufeln den Betrieb samt „Insassinen“ – andere meinen ganz locker: „Was soll man schon dagegen machen.“ Wir Seelsorger haben zu diesem Thema geschwiegen. Frau H. weiß, das wir die Prostitution nicht für gut befinden können. Sie ist sich im Bilde, was die Kirche davon hält. Sie weiß aber auch, daß wir sie und ihre Mädels zuallererst als Menschen sehen. Als Menschen, die von Gott geliebt werden – selbst wenn ihm ihr Beruf ein Dorn im Auge ist. Frau H. ist dankbar, daß sie im Pfarrhaus ihre Sorgen loswerden kann – und nicht wegen ihres Berufes schief angeschaut wird.

Schon fast seit Eröffnung des Bordells gibt es Gerichtsverfahren dagegen: Es steht mitten im Wohngebiet und ist dementsprechend in einer Stadt unter 50.000 Einwohnern nicht zulässig. Auch störe es die Nachbarschaft: Kirche und Schwesternwohnheim. Regelmäßig kommt Frau H. ins Pfarrbüro und berichtet vom Stand der Verfahren in den verschiedenen Instanzen. Freudestrahlend etwa, wenn sie gewonnen hat: „Herr Kaplan, wir dürfen weitermachen.“ Gebrochen, seit der letzten Instanz: Das Oberverwaltungsgericht hat den Betrieb endgültig verboten.

Was soll man dazu sagen? Gut, ich gehe das Risiko ein und lasse Euch an meinen bruchstückhaften und unvollständigen Gedanken teilhaben…

Nach wie vor bin ich der Meinung, daß Prostitution weder gottgewollt noch gut ist. In den letzten Monaten habe ich mir aber viele Gedanken darum gemacht – und in den Evangelien betrachtet, wie Jesus mit „solchen“ Menschen umgegangen ist: Mit Sündern, Zöllnern, Prostituierten. Sein Verhalten ist glasklar: „Hasse die Sünde – aber liebe den Sünder!“ Bei ihnen ging er ein und aus. Mit ihnen hat er gesprochen und gegessen. Ihnen hat er klar gemacht, wie sehr sie „Gottes geliebte Kinder sind“. … Lasst euch das auf der Zunge zergehen. Bedenkt es, bevor ihr (ver-)urteilt.

Den Betrieb von Frau H. kann ich nicht gutheißen. Trotzdem ist sie mir (mit all ihrer offenen Ehrlichkeit) sympathisch. Sie tut mir leid. Die Mädels, die nun eine neue „Stelle“ suchen müssen, tun mir leid. Und ich mache mir Sorgen um sie – wie schnell könnten sie an einen „Zuhälter“ geraten? An jemanden, der sie zwingt, schlägt und mißbraucht?

Das Geschäft wird weitergehen – auch ohne unsere Nachbarn. Denn die Kunden sind da. Für Frau H. & ihre Mädels hoffe ich, daß sie sich an Eines erinnern: Auch wenn ihr Job in den Augen Gottes nicht gut ist – sie selbst sind Gottes geliebte Kinder. Sein Haus ist offen für sie – jederzeit.

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3 comments

  1. Das hast Du sehr schön geschrieben.
    Ich glaube es ist unsere ureigenste Aufgabe als Christenmenschen und als Kirche, „den Mädels“ mit den liebevollen Augen Jesu zu begegnen.
    Bestimmt hat jede ihre eigene Geschichte, die sie zur Prostitution getrieben hat. Gemeinsam haben sie, dass sie von der Gesellschaft (und auch von ihren „Kunden“) als Abschaum betrachtet werden.
    Wie schön, wenn Du „als Kirche“ da einen Gegenpol setzt.

  2. Deine Haltung ist bemerkenswert. Du bist auf den richtigen Weg, Du siehst den Menschen und nichts anderes!

  3. Schön geschrieben.

    Nur einem Punkt will ich widersprechen: Prostituierte verhindern keine Vergewaltigungen. Es gibt wissenschaftlich nur einen Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt unzufriedener Männer und „Triebabfuhr“ bei Prostituierten.

Dein Senf...