RucksackEben habe ich Marius kennengelernt. Unrasiert und mit müden Augen steht er da vor der Tür des Pfarrhauses „May I speak with the priest?“, fragt er. Ich sei einer der beiden Priester vor Ort, antworte ich ihm und frage, was ich für ihn tun kann. Marius dürfte etwa in meinem Alter sein und kommt aus Cork in Irland. Er erzählt mir, daß er seit fünf Monaten zu Fuß unterwegs sei. Von Santiago de Compostella nach Rom. Dort will er seinen Bruder, einen Salesianerpriester, besuchen. In der letzten Nacht habe er im Wald geschlafen und brauche jetzt dringend eine Dusche, einen Schlafplatz und was zu Essen.

Meinen Chef finde ich gerade nicht; deshalb lade ich Marius ein, mit mir nach Speyer zu fahren. Bevor er in mein Auto einsteigt, rennt er noch schnell hinters Haus und holt seinen Rucksack hervor. 25 Kilo (50 Pfund) wiegt das Teil – nicht gerade leicht. Unterwegs erzählt mir Marius, daß er Geschichte und Geographie studiert hat und jetzt gerade ein Sabbatjahr macht. Im März will er in der heiligen Stadt ankommen.

In Speyer fahre ich mit ihm zum Priesterseminar. Ja, ein Zimmer sei noch frei, aber es müsse zuerst noch geputzt werden. Ob wir noch eine halbe Stunde Zeit hätten?! Ich lade Marius wieder in mein Auto und fahre mit ihm in die Stadt. In ein Restaurant will im Moment lieber nicht gehen. Im Stillen vermute ich, daß er erst mal duschen will, bevor er wieder unter die Leute geht. Also bestellen wir uns beim Chinesen eine Portion Reis mit Hühnchen zum mitnehmen und rauchen eine Zigarette miteinander.

In Irland könne jeder ein Sabbatjahr machen. Nicht ohne Stolz erzählt er mir von seiner Heimat und lädt mich ein, mal vorbei zu kommen. Er wohne im alten Pfarrhaus von Cork. Ich frage ihn, wie er sich in den letzten fünf Monaten durchgeschlagen hat. Er sei von Irland aus nach Santiago de Compostella geflogen. Von dort aus ging es zu Fuß und ab und zu per Anhalter in Richtung Rom.

„Geld brauche ich keines. Ich vertraue auf Gott!“ Marius erzählt mir, daß er jeden Tag mit einem Gebet beginne: „Jesus, ich brauche heute deine Hilfe. Ich brauche was zu essen und zu trinken und einen Platz zum Schlafen“ Es sei nicht immer leicht, aber irgendwie schaffe Gott es immer, ihm zu helfen. Mal schenkt ihm einer was zu Essen, mal lädt ihn jemand zum Übernachten ein und manchmal könne er auch ein paar Stunden für eine handvoll Euro arbeiten. Im letzten Punkt seien die Deutschen sehr vorsichtig, meint Marius. Sie haben Angst erwischt zu werden, weil er dann ja Schwarzarbeiter sei – selbst wenn es nur um zwei Stunden Gartenarbeit für 10 Euro gehe. Aber auch ein Pilger brauche ab und zu mal etwas Geld, um sich Zahnpasta, Duschgel, Rasierzeug und vielleicht noch ein Päckchen Kippen zu kaufen.

Zurück im Priesterseminar zeige ich Marius sein Zimmer, bevor ich mich von ihm verabschiede. Er freut sich über mein Versprechen, ihn im Gebet zu begleiten – und er freut sich auf seine heiß ersehnte Dusche und die erste warme Mahlzeit seit zwei Tagen.
Morgen, nach dem Frühstück, wird sich Marius wieder auf den Weg machen. Zu Fuß. Mit 50 Pfund auf dem Rücken…