Potter VI., Benedikt XVI. & Kuby I.

Verfluchen als Alltagspraxis (von Gabriele Kuby)

Der fünfte Harry Potter ist erschienen – heiß ersehnt. Endlich lesen die Kinder wieder, so das Lob für die spannenden Bücher. Aber wer fragt danach, was ihnen da vorgesetzt wird. Gabriele Kuby hat alle fünf Bände aufmerksam gelesen:

Nun gibt es den fünften Band der Serie auch auf Deutsch: Harry Potter und der Orden des Phönix. Junge und nicht mehr Junge hatten es kaum erwarten können, sich mit Harry in die nächsten magischen Abenteuer zu stürzen. Hurra! Sie lesen wieder, unsere Kinder – an die tausend Seiten hat der fünfte Band – tönt es. Allerdings reißt die Diskussion, wie Potter einzuschätzen sei, nicht ab, obwohl Harry Potter von allen Seiten bejubelt wird, von Literaturkritikern, Theologen und Ministern, von der Bild- bis zur Kirchenzeitung. Kritiker werden mit dem Schimpfwort „Fundamentalist“ erledigt, ein Begriff, der nichts weiter ist als ein billiger Knopfdruck auf unreflektierte Vorurteile.

In dieser Zeitung durfte ich in der Juni-Ausgabe letzten Jahres schon einmal zu Harry Potter Stellung nehmen. Viele sind froh, daß jemand die Dinge beim Namen nennt, aber es gibt auch unter gut katholischen Freunden eine positive Einschätzung. Ich bitte Sie inständig, Ihre Haltung noch einmal zu überprüfen. In meinen Augen ist Harry Potter ein Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur. Die Hemmschwelle gegenüber Magie wird in der jungen Generation eingerissen. Damit dringen die Kräfte in die Gesellschaft ein, die das Christentum einst überwunden hat.

Der fünfte Band bestätigt, was im ersten noch unter dem Reiz einer neuen Phantasiewelt verborgen bleiben konnte, aber doch schon angelegt war. Das Grauen steigert sich von Band zu Band. Im Orden des Phönix gibt es wirklich nichts mehr zu lachen.

Hogwarts, die Schule für Zauberei und Hexerei, ist eine in sich geschlossene Welt der Gewalt und des Grauens, der Verfluchung und der Verhexung, der Rassenideologie und des Blutopfers, des Ekels und der Besessenheit durch Voldemort (wörtlich: der den Tod will). Es herrscht eine Atmosphäre ständiger Bedrohung, unter der Harry von Anfang an leidet. Im fünften Band wird Harry selbst von Voldemort besessen bis hin zur geistigen und physischen Vereinigung. Harry kann seine Gefühle und Wahrnehmungen nicht mehr von denen Voldemorts unterscheiden, er jubelt im größten Schmerz, hat Angst, wider Willen gegen seinen guten Freund Ron gewalttätig zu werden, und wird von Schuldgefühlen gepeinigt.

Unter dem Diktat der neuen Lehrerin Mrs. Umbridge muß Harry über Stunden und Wochen zur Strafe mit seinem eigenen Blut schreiben: „Ich darf nicht lügen“, obwohl er nicht gelogen hat. Nicht daran nehmen die Schüler Anstoß, sondern sie empören sich, weil die Lehrerin sie nur theoretisch – nicht praktisch – in Magie unterrichten will. Ein guter Grund für Harry (und seine Fans?) auf eigene Faust Magie zu praktizieren.

Direktor Dumbledore, den hoffentlich niemand mehr für gut hält, klärt Harry darüber auf, daß seine verhaßte Pflegefamilie, die Dursleys, wegen der Blutsbande sein einziger Schutz vor den tödlichen Nachstellungen Voldemorts seien.

Das heißt: Harry leidet in Hogwarts bis zur Zerstörung seiner Persönlichkeit. Aber er will dort sein und bleiben. Der einzige Ort, der ihm Schutz vor dem Bösen bietet, ist ein Ort, den er haßt. Harry hat keinen Ausweg aus der Welt des Bösen, und er sucht keinen. So wird gewöhnlich die Hölle beschrieben.

Kann mir jemand erklären, warum das gute geistige Nahrung für Jugendliche (oder irgend jemanden) sein soll? Unsere Gesellschaft legt den größten Wert auf gesunde physische Nahrung, aber sie hat jeden Maßstab für gesunde geistige Nahrung verloren.

Ich will meinen Maßstab nennen: Gute Literatur – angefangen vom Märchen bis zu großen Romanen – beschreibt das Drama des Menschen, der als einziges Geschöpf die Freiheit hat, zwischen Gut und Böse zu wählen. Sie beschreibt es so, daß der Mensch sich in den Nöten und Hoffnungen seiner Zeit darin wiedererkennen kann und aus dem literarischen Abenteuer bereichert hervorgeht. Braucht die Jugend, brauchen wir nicht alle Literatur (und Kunst), die einen Lichtstrahl der tieferen Erkenntnis und der Hoffnung in unseren Geist und unser Herz wirft?

Harry Potter tut das Gegenteil. Er verdunkelt.

Immer wieder wird behauptet, Harry Potter sei ein modernes Märchen. Aber es gibt gravierende Unterschiede:

Im Märchen sind Zauberer und Hexen fast immer Gestalten des Bösen, aus deren Macht sich der Held durch die Ausübung von Tugenden befreit, um in die Freiheit des glücklichen Menschenlebens zurückzukehren.

Bei Potter gibt es kein glückliches Menschenleben. Die Muggels, wie die Menschen heißen, werden einzig durch die Pflegefamilie repräsentiert, die Harry haßt und verachtet und mit ihm der Leser.

Anders als im Märchen, gibt es also keinen Ausweg aus der bösen Welt der Zauberei und Hexerei, und es gibt niemanden, der dieser Welt entkommen will.

Auch im Märchen existiert das Böse – wie im richtigen Leben. Täte es das nicht, wäre es bedeutungsloser Kitsch. Aber im Märchen wird das Böse nur knapp und sachlich ins Spiel gebracht, es wird nicht ausgeschmückt, emotional aufgeladen und zum eigentlichen Stoff der Erzählung gemacht. Im Märchen hat der Hörer die Freiheit, die Ikonen des Bösen in seiner eigenen Fantasie „anzuklicken“ oder es bleiben zu lassen, je nach dem, was er verkraftet. Bei Potter wird der Leser (und Zuschauer) in die Welt des Bösen eingetaucht und sein Kopf so lange unter Wasser gehalten, bis er die Orientierung verliert.

Die Gewöhnung des jungen Lesers an Magie stört kaum jemanden. Das ist bei jenen nicht verwunderlich, für die Gott tot ist und der Teufel erst recht. Aber Gläubige, die wissen, daß es unsichtbare dämonische Kräfte gibt, die den Menschen in Versuchung führen, müßten doch alarmiert sein, wenn Magie und Verfluchen zum normalen Alltag eines Jugendbuchhelden gehören, mit dem sich die jungen Leser identifizieren.

Sollte es keine Wirkung haben, wenn Kinder von sechs bis sechzehn Jahren in einer Fantasiewelt leben, in der die Zubereitung von Zaubertränken, Wahrsagerei, Blutrituale und Verfluchen Schulstoff sind und alltäglich praktiziert werden? Einer der zahllosen Flüche, die die Schüler lernen, lautet „Crucio!“. Damit kann man, wie der Lehrer erklärt, „foltern ohne Daumenschrauben oder Messer“. Auch Harry bedient sich dieses Fluches.

Magie ist die dämonische Versuchung des Menschen, mit dem Zauberstab seine Ohnmacht zu besiegen: Mein Wille geschehe! Diese Versuchung ist um so größer, je mehr die Welt vergißt, daß Dein Wille geschehe in die Freiheit führt.

Weil ich glaube, daß wir auf Gott angewiesen sind, um aus den Sackgassen herauszukommen, in die wir uns verrannt haben, halte ich Harry Potter für Gift.

Darin hat mich Kardinal Ratzinger bestärkt. Er schrieb mir:

„Es ist gut, daß Sie in Sachen Harry Potter aufklären, denn dies sind subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte.“

Lassen Sie nicht zu, daß Ihr Kind in der Schule gezwungen wird, Harry Potter zu lesen oder die Filme anzusehen. Es braucht Mut, gegen den Strom zu schwimmen, aber haben wir eine Alternative?

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7 comments

  1. 😉 Das ging aber schnell: Eben hat mir jemand den neuen Potter vor die Tür gelegt. Da hab‘ ich mir sogar den Gang zum Postfach gespart…

  2. Ich halte Kuby ja für ziemlich hysterisch in Bezug auf die Potter-Bücher. Wenn man aber schon auf 180 ist, wenn man das Buch nur in die Hand nicht, kann man es gar nicht mehr unvoreingenommen beurteilen…

    Was Kuby ja bei dem ganzen Gegeifer gegen den angeblichen Okkultismus in HP überhaupt nicht sieht:
    Das Okkulte, gegen uns auch die Bibel warnt, ist die Anrufung außerhalb von Gott liegender (bzw. gegen Gott gerichteter) Kräfte und Dämonen für unsere eigenen Zwecke.

    Davon ist in HP aber überhaupt nicht die Rede. Zauberkraft ist eine angeborene Eigenschaft, die nach den Mendel’schen Gesetzen (!) vererbt wird. Wer keine Zauberkräfte hat, kann auch keine erwerben, sosehr er sich auch bemüht. Von der Anrufung von Dämonen und Geistern ist übrigens nicht die geringste Rede.

    Und ist ihr eigentlich bei der Präsenz der Neigung zum Bösen in Harry die Analogie zur gefallenen Natur des Menschen nicht aufgefallen? Und erinnern wir uns denn nicht an den ersten Band, wo der Hut unentschieden ist, ob er Harry nach Gryffindor oder nach Slytherin schicken soll – und Dumbledore Harry dann sagt, dass es auf unsere eigene Entscheidung ankommt, was wir aus unseren Anlagen machen? Komisch, erinnert mich irgendwie an den Freien Willen des Menschen, aber da muss ich mich wohl irren… (Die Zauberer in LOTR sind übrigens in einer ganz ähnliche Situation: sie können sich ebenfalls sowohl dem Guten (Gandalf) wie auch dem Bösen (Saruman) zuwenden.)

    Aber gut, ich glaube, solche Dinge nimmt sie gar nicht wahr (das ist auch in Deiner Debatte mit ihr herausgekommen). Sie ist in Bezug zu HP einfach schon so eingefahren, dass ihr jegliches Umdenken als Affront erscheinen muss.

    Ich habe in meinem Blog schon zu einem Artikel bei der Karl-Leisner-Jugend verlinkt. Im folgenden werden die Ideen über die praeparatio evangelii durch HP noch mehr im Detail erklärt:
    http://www.karl-leisner-jugend.de/Potter6.htm
    (Übrigens sind alle 6 HP-Beiträge auf der Seite sehr lesenswert! Und die anderen Katecheseseiten übrigens auch…)

  3. Korrektur:
    im ersten Absatz: „in die Hand nicht“=in die Hand nimmt

    Und viel Spaß mit dem neuen HP-Band!

  4. Schon merkwürdig, worüber Christen sich so alles aufregen…
    Falls das schon vergessen sein sollte: Magie, Zauberei, Hexen, Dämonen und sonstige Kinderschrecknisse gibt es überhaupt nicht. Alles frei erfunden!
    (Götter gibt es übrigens auch nicht, Pech gehabt.)

  5. „Götter gibt es übrigens auch nicht, Pech gehabt“

    Götter gibt es wirklich nicht… 😉

    Und falls Du meinst, mich mit solchen Bemerkungen plötzlich zu konvertieren: been there, done that. 25 Jahre lang.

  6. 😉 Und wieder mal danke für einen geistreich-witzigen Kommentar…

Dein Senf...