Heute noch nicht…

„Wie ist das nochmal mit dem Segen für Menschen in einer LGBTIQ-Beziehung?“ wird Papst Leo im Flugzeug gefragt. Die sozialen Medien kochen. Ich falle kurz auf die Schlagzeilen rein. Dann schaue ich mir das Interview an. Höre zu. Und ab hier wird’s spannend.

Gleich zu Beginn eine klare Ansage von Papst Leo. Er zeigt jenen Gruppen ein deutliches Stoppzeichen, die das Thema Sexualität wieder und wieder zum zentralen Thema katholischen Glaubens erheben wollen: “The unity or division of the church should not revolve around sexual matters.” Manche meinen, so Leo, wenn Kirche über Moral spreche, gehe es immer um Sexualität. Dabei gebe es weit wichtigere Themen. Ich nicke. Wie recht Du doch hast, Bruder Leo. Vielleicht wären Gerechtigkeit und Frieden tatsächlich brisantere Themen für uns Christ*innen als die peinliche Fixierung auf Penisse und Vaginas und deren rechtmäßige Verwendung.

Nach mehrmaligen Zuhören fällt mir etwas auf: Papst Leo äußert sich inhaltlich nicht zu homosexuellen Beziehungen. Mit keiner Silbe. Stattdessen spricht er darüber, das manche Themen Auswirkungen auf die Einheit der Kirche haben können. Sexualität sollte, so Leo, kein Thema sein, an dem man die Einheit der Kirche festmache. In Folge bleibt er konsequent und verweigert jedes moralische Urteil. Er verweist auf den Status Quo von Fiducia Supplicans (der Vatikan wünscht keine formalen Segnungen), sagt dann aber direkt danach etwas, das aufhorchen lässt: “To go beyond that today would cause more disunity than unity…”

Diese Aussage hat Sprengkraft!
Auf der einen Seite widerspricht der Papst seiner eigenen Argumentationskette. „Fragen der Sexualität sollten keine Auswirkungen auf die Einheit der Kirche haben“ > „Eine Änderung der Haltung bei diesem Thema könnte die Einheit de facto jedoch beschädigen.“ Also doch? Gleichzeitig macht er deutlich: Es geht nicht um eine inhaltliche (Neu)Bewertung gleichgeschlechtlicher Beziehungen, sondern um die Einheit der Kirche.

Hier könnte man fragen, ob die Einheit nicht schon längst beschädigt IST. Durch den Ausschluss und das immense Leid vieler Betroffener. Auch könnte man fragen, was denn die Einheit mehr beschädigt: Der Segen eines sich aufrichtig liebenden Paares – oder die laute Wut, das Unverständnis und die moralinsauren und hämisch-geifernden Kommentare vieler Rechtskatholiken über ebendiesen Segen.

Noch brisanter ist jedoch folgende Aussage: „To go beyond that TODAY…“ – „HEUTE weiterzugehen…“ Damit hält Papst Leo eine Tür auf. Auf der steht: Klar. Kirche kann ihre Haltung hier ändern. Jederzeit!

Was bedeutet das jetzt? Für Paare aus der LGBTIQ-Community? Für mich?

Wie „Betroffene“ (blöder Begriff) damit umgehen, kann ich nicht beantworten. Ich verstehe, wenn sie jetzt wieder enttäuscht oder verärgert sind. Ich hoffe gleichzeitig, dass sie die Zwischentöne wahrnehmen können. Kirche lernt. Viel zu langsam, ja. Aber da sind offene Türen.

Ich persönlich – und ich als Priester – muss eine Entscheidung treffen. Habe ich schon längst. Mein Gewissen und meine Verantwortung vor Gott wiegen mehr, als endloses Rumgeeiere auf dem Rücken von Menschen. Theologisch ist die Sache schon längst klar; auch, wenn es Manche nicht wahrhaben wollen. Deshalb segne ich lieber drei mal zu viel (und „verbotenerweise“) als ein Mal zu wenig. Am Ende muss ich mich vor Gott verantworten. Nicht vor hasserfüllten und ausgrenzenden Social-Media-Kommentator*innen.

Hinzu kommt die Tür, die Leo sehr deutlich offenhält. Sein Job ist es, Wächter der Einheit zu sein. Kann ich nachvollziehen. Deshalb bittet er darum, heute noch nicht da durch zu gehen. Mein Job ist ein anderer. Ich gehe gerne und bewusst das Risiko ein, als Kundschafter durch eben diese Tür hindurchzugehen. Dorthin, wo Menschen den Segen Gottes ersehnen. Dorthin, wo Menschen bisher noch alleingelassen werden von Kirche und so Manchen Vertretern meiner „Art“.

Irgendwann wird unsere Kirche den Mut finden, durch diese Tür hindurchzugehen. Bis dahin wird sie viele Menschen verletzt und verloren haben. Ich kann das bedauern (glaubt mir, ich tue das!). Und ich kann versuchen, ein anderes Bild und Gesicht von Kirche zu zeigen. In meinem winzig kleinen Wirkungskreis. Ist nur ein kleiner Beitrag. Klar. Kostet auch was (nämlich Ablehnung und entsprechende Kommentare). Ist es wert.

Denn IHR, liebe Schwestern und Brüder aus der LGBTIQ-Community, seid Gottes Kinder. Ihr seid geliebt – und Eure Liebe ist gesegnet. Lasst Euch von Niemandem etwas Anderes einreden.

#PapstLeo #LGBTIQ #Segen #Kirche #Fiducia_Supplicans

Bildquelle: Edgar Beltrán, The Pillar, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode

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