Auf-er-Stehen

„Oha. Langsam wird’s eng.“ murmele ich und betrachte die schier endlose Aufgabenliste, die vor Ostern noch zu erledigen ist. Dieses Jahr fällt’s mir verdammt schwer, vorwärts zu kommen. Über die Auferstehung Jesu soll ich predigen. Weil man das als Pfarrer so macht. Darüber, dass es Hoffnung gibt, auch wenn die Zeiten schwer sind. Jesus ist auferstanden. Ostern halt. Jippieh! Oder so…

Im Moment sagen mein Kopf, meine Aufgabenliste und die Nachrichten jedoch was anderes. Die Gedanken fahren Achterbahn, weil da tausend Dinge sind, die mich beschäftigen. Dinge, die gefühlt mehr mit Karfreitag – mit Trauer, Tod und Dunkelheit – zu tun haben, als mit Ostern.

Die Tage war ich im Krankenhaus. Da bin ich die letzten Monate ziemlich oft. Zu oft, für meinen Geschmack. Menschen besuchen, die ich kenne und mag. Die aus unterschiedlichen Gründen gerade nicht die beste Zeit ihres Lebens haben. Diese Besuche erden mich. Weil sie mich dran erinnern, was wirklich wichtig ist. Dass einfach nur da sein, Klappe halten und zuhören manchmal das Beste und vielleicht auch das Einzige ist, was ich tun kann. Andererseits lassen sie mich immer wieder ratlos zurück. Was soll ich denn der Freundin erzählen, die dieses Jahr vermutlich ihr letztes Ostern erleben wird? Wie soll ich von Hoffnung erzählen, wenn das Leben offensichtlich endlich ist? Die Liebe ist stärker als der Tod. Ja. Ich glaub ganz fest an die Auferstehung. Daran, dass das Leben bei Gott weitergeht. Ja. Trotzdem ist Krebs einfach nur scheiße. Trotzdem fühlt es sich unfair und fies an, wenn ein Mensch viel zu früh gehen muss. Hey Gott. Ich glaub an dich. Immer noch. Aber gerade bin ich auch verdammt sauer. Trag ne Wut im Bauch.

Ich schaue auf die Uhr. Kurz vor neun. Seit einer Stunde sitze ich jetzt da und grübele. So wird das nix mit der Aufgabenliste. Um mich abzulenken, beschließe ich, mir noch einen Kaffee zu brauen und erst mal die Nachrichten zu lesen. Finde den Fehler. Eine halbe Stunde klicke ich mich durch die Schlagzeilen. Lese vom orangenen Mann, der eifrig Raketen und Bomben losschickt, um der Welt den Frieden zu bringen. Von Despoten und machtgeilen Männern, die millionenfaches Leid verbreiten. Im Iran, in Israel, im Libanon, in der Ukraine und an so vielen anderen Orten. Von Politikerinnen und Politikern lese ich, die den Klimaschutz gerne abschaffen und auf antike Energiequellen setzen würden. Weil die Lobby scheinbar stärker ist, als jede Vernunft. Und davon, dass in Rheinland-Pfalz fast jeder vierte Mensch eine Partei gewählt hat, die kein Problem mit rechtsradikalen und rechtsextremen Menschen und Positionen hat.
Na super. Ich versteh den Frust über die etablierten Parteien. Wirklich. Es ändert aber nichts: Wer Rechtsextreme unterstützt, unterstützt Rechtsextreme. Hatten wir schon mal. War nicht gut.

Erneut schaue ich auf die Uhr. Gleich halb zehn. Fortschritt in der Aufgabenliste: Null. Während ich mir noch einen Kaffee ziehe, vibriert die Smartwatch an meinem Handgelenk. Sie schickt mir eine Warnung: „Achtung! Dein Blutdruck scheint nicht in Ordnung zu sein. Mach mal dringend nen Termin mit deinem Hausarzt aus. Bis dahin solltest du an deinem Stresslevel arbeiten.“ Ich schnaufe und schreibe „Arzttermin vereinbaren“ in die Aufgabenliste. Noch ein Punkt mehr.

Im Postfach ploppt eine Mail auf. Die Rheinpfalz. Ob ich mir vorstellen könne, einen kleinen Beitrag zu Ostern zu schreiben. Was Nettes. „Ach herrje“ denke ich mir und antworte „Klar. Kein Problem.“ Noch während ich auf Absenden klicke, frage ich mich, ob das jetzt klug war.

„Sag mal“ meldet sich mein Hund Phil zu Wort, als ich erneut zur Kaffeemaschine trotte. „Kann es sein, dass dein Koffeinkonsum etwas überhand nimmt? Wie wär’s mit nem beruhigenden Tee?“
„Eigentlich bräuchte ich gerade eher nen Schnaps“ sage ich und trotte zurück ins Büro.
„Willste reden?“ fragt der Vierbeiner.
„Weiß nicht“ nuschele ich.

Phil steht von seiner Hundedecke auf und streckt sich ausgiebig. Dann trottet er zu mir und legt seinen Kopf auf mein Bein. Stumm schaut er mich an. Mit seinen großen braunen Augen. Wartet ab. Eine Zeit lang schweigen wir gemeinsam, dann erzähle ich ihm. Von all den Gedanken und Gefühlen, die mir durch Kopf und Herz gehen. Von den Sorgen und Fragen und von der dämlichen Aufgabenliste, die mich unter Druck setzt.

„Verstehe“ sagt der Hund, als ich fertig bin. Dann lächelt er mich an. „Wie wär’s denn, wenn du einfach ehrlich wärst?“
„Bitte?“ frag ich zurück.
„Die Sache ist doch die,“ erklärt Phil, „dass du im Grunde zwei Optionen hast. Du kannst versuchen, einfach zu funktionieren. Deine Aufgabenliste abzuhaken und so zu tun, als sei alles in Butter. Mach deinen Job und gut ist.“
„Joa“ sage ich. „Das wär jetzt mein Plan. Augen zu und durch.“
„Kann man machen. Bringt halt nix.“ grinst der Vierbeiner. „Die Leute sind doch nicht blöd. Die merken doch, wenn du dich verstellst und ihnen irgendwas präsentierst, hinter dem du selbst gerade nicht stehst. Und außerdem: Du bist nicht der Einzige, der gerade mehr Fragen als Antworten in sich trägt. Ich glaub, dass da draußen sehr viele Menschen sind, die sich Sorgen machen. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Vielleicht solltest du da ansetzen?!“

Ich brauche einen Moment um nachzudenken. Irgendwie hat er ja Recht. „Okay. Was wäre dann Option Zwei?“ will ich wissen.
„Butter bei die Fische.“ antwortet Phil.
Ich runzle die Stirn. „Häh?“
„Liegt doch auf der Hand“ sagt er. „Vielleicht wäre es dieses Jahr zu Ostern am Ehrlichsten, nix schönzureden. Die Lage der Welt klar zu benennen. Es IST halt gerade mehr Karfreitag als Heile-Heile-Gänsje. Durch’s Verschweigen wird’s nicht besser.“
„Stimmt.“ nicke ich. „Aber es wird auch durch’s Jammern nicht besser. Solange wir nur rumjammern, lösen wir keine Probleme. Solange ich nur rumjammere, wird meine Aufgabenliste nicht kleiner.“
„Eben!“ sagt Phil. „Und genau da seid ihr Christen doch gefragt. Ihr und all die Anderen, denen wirklich was an Menschlichkeit und einem guten Miteinander liegt.“
„Hört sich nett an. Aber was heißt denn das jetzt konkret?“ hake ich nach.

Der Hund rollt mit seinen Augen. „Ach Carsten. Das sollte dir doch klar sein. Euer Jesus hat’s euch doch vorgemacht. Zu seiner Zeit war doch auch alles andere als Friede-Freude-Eierkuchen. Der hat den Leuten nichts schöngeredet. Im Gegenteil. Wenn er nen Menschen in Not gesehen hat, hat er geholfen. Wenn ihm eine Ungerechtigkeit aufgefallen ist, hat er sie benannt. Er hat auch niemandem versprochen, dass der liebe Gott kommt, und alles wieder gut macht. Nee. Er hat seinen Jüngerinnen und Jüngern gesagt, dass es ihr Job sein wird, die Frohe Botschaft rauszutragen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Da war er glasklar.“
„So deutlich, dass die Römer ihn aus dem Weg geräumt haben. Weil er ihnen zu unbequem war.“ wende ich ein.
„Richtig.“ sagt Phil. „Trotzdem hat er sich nicht kleinkriegen lassen. Trotzdem konnten sie ihn nicht zum Schweigen bringen. Weil er so sehr für seine Idee gebrannt hat. Er war einfach absolut überzeugt davon, dass die Liebe das letzte Wort hat. Nicht der Tod. Nicht die Angst. Nicht die Mächtigen. Die Liebe.“

Ich sitze da. „Das klingt zu einfach.“
„Stimmt“, sagt Phil. „Aber manchmal ist die einfachste Antwort die richtige. Und die schwerste zu leben.“

„Klingt mir immer noch zu sehr nach Schönreden“ sage ich.
„Schönreden?“ knurrt der Vierbeiner. „Das wäre es, wenn ihr nach der Osternacht einfach nach Hause geht und so weitermacht wie bisher. Am Ende ist das wie in der Politik. Wer nur redet, aber nichts macht, disqualifiziert sich selbst.“

„Weißt du“ ergänzt Phil „an Ostern geht’s doch um Auferstehung.“
„Ja“ nicke ich und warte ab. Man kann fast sehen, wie die Gehirnzellen des Hundes rotieren.
„Aufer – STEH – ung.“ wiederholt er. „Ums Aufstehen geht’s. Darum, dass Jesus vom Tod aufgestanden ist, weil er noch nicht fertig war. Darum, dass ihr als seine Freundinnen und Freunde aufsteht, um weiterzumachen. Darum, dass ihr für Gerechtigkeit aufsteht. Für Frieden. Für ein gutes Miteinander.“

Ich lehne mich vor. „Du meinst…?“
„Ich mein genau das.“ Phil schaut mich direkt an. „Auferstehung heißt, dass du aufstehst, um deine Freundin im Krankenhaus zu besuchen. Auferstehung heißt, dass ihr nicht schweigend abwartet und zuseht, wie die Welt, die Demokratie und auch noch das Klima zerstört werden. Davon solltest du erzählen. Und es auch tun. Das wär mal ein Ostern!“
„Danke, Kleiner“ lächele ich und lege meinen Stift zur Seite. Ich habe mir heimlich Notizen gemacht. Vielleicht ist da ja was für die Rheinpfalz dabei. Oder für die Osterpredigt. Auf jeden Fall für mich. Zum Weiterdenken.

Der Hund steht auf und trottet in Richtung Küche. „Und jetzt“ sagt er „hab ich mir ein Leckerlie verdient. Ein großes. Nachdenken macht nämlich ganz schön hungrig.“
„Amen“ sage ich und folge dem Vierbeiner.

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