Ohne Kirche…

Ohne-Kirche

Christ sein ohne Kirche. Geht das?

Am Dienstag habe ich die Gruppenleiterschulung der Jungen Kirche (JUKI) Speyer besucht. Die JUKI bietet verschiedene Kursmodule an, von denen die Jugendlichen sich eins auswählen können. Im Kurs „Katechese“ beschäftigen sie sich vier Tage lang mit allen möglichen Fragen rund um den Themenbereich „Glaube, Kirche, Spiritualität“. Ich war als „Experte“ zu Gast, um mich den Fragen der Jugendlichen zu stellen und um mit ihnen über Gott und die Welt zu reden. Die drei Stunden, die wir dafür hatten, waren klasse und vergingen rasend schnell.

Eine der Fragen war: „Warum brauchen wir als Christen eigentlich die Kirche? Es gibt doch so viele Menschen, die sagen, sie könnten auch ohne Kirche an Jesus glauben.“

Vorneweg (bevor jemand den Jugendlichen was unterstellt): Die Frage war überhaupt nicht „negativ“ gemeint und ging auch nicht in die Richtung, dass die Jugendlichen etwa meinen würden, die Kirche wäre unnötig. Es war einfach eine Frage, die im Lauf der Tage aufgetaucht ist und zu der sie sich eine Antwort von mir als „Kirchenmann“ erwartet haben, die ich ihnen auch gegeben habe: Ich glaube, dass es extrem schwierig ist, ohne die Gemeinschaft der Kirche ChristIn zu sein und an Jesus zu glauben.

Dankenswerterweise hat Papst Franziskus zwei Tage später die Frage der Jugendlichen nochmal aufgegriffen und auch seine Antwort ins Spiel gebracht.

Die Predigt von Papst Franziskus habe ich bei Facebook geteilt, wodurch eine spannende kleine Diskussion entstanden ist. Da solche Dinge ja recht schnell wieder in den Tiefen der Timeline verschwinden, habe ich den Gedankenaustausch zwischen Horst und mir hierher kopiert. Viel Spaß beim Nachlesen und Weiterdenken…

(HORST) “Es ist nicht möglich, Christus zu lieben, aber ohne die Kirche; auf Christus zu hören, aber nicht auf die Kirche; mit Christus zu sein, aber außerhalb der Kirche“.

Jetzt kenne ich aber Christen, die sich, sagen wir mal, recht unkonventionell treffen. Ich erlebe ihre Liebe zu Christus und die Ernsthaftigkeit ihrer Nachfolge als authentisch, ohne dass Sie konfessionell gebunden sind. Ihnen Liebe zu Christus abzusprechen wäre schlicht ungeheuerlich. Wie ist das in obiger Aussage einzuordnen?

(CARSTEN) Ich verstehe das so: Durch die Gemeinschaft der Kirche (und auch durch das Lehramt) ist die Gefahr, sich einen eigenen Glauben zusammenzubasteln und in eigenen fixen Ideen steckenzubleiben, wesentlich geringer.

Zudem glaube ich daran, dass Jesus die Kirche gegründet und auch gewollt hat. Die Gemeinschaft seiner JüngerInnen und Apostel war ihm wichtig. Ebenso der Wunsch, dass sie nicht alleine losziehen (er hat seine Jünger in der Regel zu Zweit ausgesendet) sowie sein Gebet um Einheit.

Klar, es scheint oft einfacher, sich von „der Kirche“ loszusagen. Dann kann man so glauben, wie man will. Muss sich nicht mit anderen Sichtweisen auseinandersetzen. Kann selbst bestimmen, was und wie man glaubt. Ob man damit dann aber tatsächlich „besser dran“ ist?

Der unermessliche Vorteil der Kirche ist es, dass sie uns immer wieder auf einen gesunden Mittelweg zurückführt, wenn wir in Ideologien etc. abdriften. Dass sie uns ständig daran erinnert, dass Gott größer ist, als unsere kleinen und oft kleinlichen Vorstellungen und Bilder von ihm.

Ja, ich glaube, dass es sehr schwierig ist, ohne Kirche ChristIn zu sein. Ich glaube, dass es nahezu unmöglich ist, ganz alleine (ohne jede Form von Gemeinschaft mit anderen Christen), dauerhaft Christ zu sein.

(HORST) Jesus sagt: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“

Also müsste sich da bereits Kirche manifestieren und nicht erst, wo eine komplette Struktur und ein hierarchische Überbau vorhanden ist.

(CARSTEN) Sicher. Das ändert aber nix daran, dass der Heilige Geist recht flott nach Jesu Tod und Auferstehung die ersten JüngerInnen animiert hat, eine Kirche aufzubauen, und sich eine Struktur zu geben, die durch die Zeit trägt.

Durch die Kirche und ihre weltweite Vernetzung wird z.B. klar, wie wichtig es ist, sich nicht zu sehr auf die eigenen Ideen zu beschränken, sondern offen zu bleiben für die vielfältige Art und Weise, in der Gott wirkt.

Papst Franziskus lehrt uns gerade sehr deutlich, dass die Kirche mehr ist, als wir mit unserem europäischen und romfixierten Blick denken und meinen. Dass Gott auf Arten und Weisen wirkt, die wir uns bisher kaum vorstellen konnten. Dass er uns Möglichkeiten eröffnet, für die wir bisher blind waren.

In einer kleinen Gruppe von Christen, die auf sich selbst fixiert bleibt, fehlen solche Impulse und Denkanstöße meistens. Und es gibt niemanden, der mal kommt und sagt „Stopp – Ihr lauft gerade in die völlig verkehrte Richtung!“

Für mich kommt zu den obenstehenden Gedanken noch folgende Erfahrung dazu: Mir passiert es dauernd, dass ich nach Gesprächen mit anderen Christen (vor allem mit Jugendlichen) denke „Wow! Jetzt hast Du wieder eine Menge gelernt!“ Oder „Okay, jetzt muss ich meinen Blickwinkel tatsächlich etwas korrigieren.“

Das passiert mir in der Regel „bei Kirchens“: Bei Veranstaltungen und Aktionen in unserer Jugendverbandsarbeit, bei Schulungen, bei Ausflügen, bei Reisen (z.B. nach Taizé) und in Gottesdiensten. Ohne die Gemeinschaft der Kirche hätten die meisten dieser Gespräche nicht stattgefunden.

Klar, ich kann auch in die Natur gehen und dort meinen Gedanken nachgehen und Gott begegnen. Das ist sogar eine ziemlich gute Idee, die ich gerne viel öfter umsetzen würde. Aber ich brauche auch die anderen Christen: Die Gedanken und den Glauben der Jugendlichen im Jahr 2015 – und den Glauben der Christen aus den vergangenen 2000 Jahren. Den Glauben der Christen in Deutschland – und den Glauben von Christen aus der ganzen Welt. All das zusammen bereichert meinen Glauben – und bringt ihn ins Lot.

Die Kirche ist für mich der Ort, wo wir Christen gemeinsam auf Gott hören, mit ihm und miteinander ins Gespräch kommen – und miteinander & voneinander lernen.

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8 comments

  1. „Klar, ich kann auch in die Natur gehen und dort meinen Gedanken nachgehen und Gott begegnen. Das ist sogar eine ziemlich gute Idee, die ich gerne viel öfter umsetzen würde. Aber ich brauche auch die anderen Christen: …“
    Aber warum alleine in die Natur und den Gedanken nahe gehen und gott begegnen?! Man könnte sich ja auch mit anderen Christen irgendwo anders treffen, als in der Kirche. Ich sehe da irgendwie (noch) keinen Sinn, die Kirche mit dem Glauben verbunden zu lassen. Wie Horst erwähnt hat: „Jesus sagt: wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich unter ihnen.“ Also braucht man theoretisch keine Kirche, um Jesus/Gott nahe zu sein. Ich könnte mich also genau so gut mit einem weiteren oder mehr Christen an einem anderen Ort treffen (z.b. in der freien Natur) und da ist uns Gott genau so nah wie in der Kirche. Und so gesehen bräuchte man keine Kirche um seinen Glauben auszuleben.
    Sollte sich an irgendeiner Stelle ein Denkfehler erweisen, bitte ich um eine nähere Erläuterung.

    1. Marcel, lies nochmal den Artikel. Da findest Du meine Antwort auf Deine Frage 😉

      Ja, das Versprechen Jesu gilt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen sind,…“ Um Gott nahe zu sein, braucht es grundsätzlich tatsächlich keine Kirche. Er ist sogar Menschen nahe, die keine Christen sind, oder nicht mal an ihn glauben. Darauf hat die kath. Kirche im 2. Vatikanischen Konzil sogar extra hingewiesen.

      Und trotzdem hat Jesus seine JüngerInnen zu einer Gemeinschaft zusammengerufen und Gott darum gebeten, ein Auge auf sie zu haben, damit sie Eins sind und bleiben. Das war ihm ein total wichtiges Anliegen. Diese Gemeinschaft besteht nun seit 2000 Jahren. Und immer dann, wenn sich Teile von ihr abgespalten haben und die Gemeinschaft verlassen haben, war das ein trauriger und schlimmer Moment.

      Natürlich können (und sollten) wir uns auch immer wieder mit anderen Christen treffen – dort ist dann auch Kirche. Wenn wir hier von „Kirche“ sprechen, ist nicht das Gebäude aus Stein gemeint. Das war nie damit gemeint. Sondern die Gemeinschaft der Christen.

      Wenn du dich allerdings nur mit ein paar anderen Christen triffst, und die Verbindung zur Kirche – zu den anderen Christen auf der ganzen Welt – aus dem Blick verlierst, kann es passieren, dass sich die Gruppe auf eigene Ideen versteift und den Kontakt zu Gott verliert.

      Ein Beispiel, wie es gut gehen kann, ist für mich Taizé: Dort treffen sich junge Christen aus allen Konfessionen. Dort begegnen sie Gott. Und die Brüder werden nicht müde, die Jugendlichen immer wieder einzuladen, für die Einheit der Kirche zu beten…

      Du findest im Glaubensbekenntnis übrigens auch einen Hinweis: Das Glaubensbekenntnis wird von allen Christen auf der Welt (egal, welcher Konfession sie angehören) gesprochen. Dort drin stehen die absoluten Basics, die zum Christsein dazugehören. Und zu diesen Basics gehört auch die Kirche.

  2. Ich bin übrigens heilfroh, dass es in der katholischen Kirche ein Lehramt gibt. Eine Stelle, die all das sammelt, was Kirche in 2000 Jahren erlebt und geglaubt hat. Die den Glauben auslegt und alle Aspekte zusammenbringt. Ohne eine solche Stelle ginge es uns unter Umständen genau so, wie Gläubigen in anderen Religionen (z.B. im Islam), wo oft nicht klar ist, wie bestimmte Dinge zu verstehen und umzusetzen sind.

    Klar, auch in der Kirche geschieht Mist. Auch dort ist nicht alles Gold, was glänzt (har Papst Franziskus an Weihnachten ja ausdrücklich angesprochen). Aber ich vertraue darauf, dass der Heilige Geist wirkt und die Kirche nicht alleine lässt.

    Oft kommt die Kritik, dass das Lehramt sehr träge ist und dass die Kirche lange braucht, um sich auf „Neues“ einzustellen und eine passende Antwort zu finden. Das liegt daran, dass der Papst und die Bischöfe die Aufgabe haben, den ganzen Laden zusammen zu halten. Und das ist bei einer Kirche, die sich über die ganze Welt und etliche total verschiedene Kulturen erstreckt, eine ganz schön heftige Aufgabe 😉

    1. Vielen Dank. Hab es jetzt verstanden und meinen Horizont erweitern können. Ich glaube ich kann jetzt ruhigen Gewissens schlafen gehen

  3. Meinst du mit Kirche „katholische Kirche“ oder meinst du mit Kirche auch die „angelikanische Kirche, die Freikirchen, usw“?

    Im letzten Fall würde ich dir zustimmen – im ersten Fall würde ich gerne wissen, wie du das mit der „angelikanischen Kirche, den Freikirchen, usw“ siehst 😉

    1. Ich meine zuerst die katholische Kirche. Dort bin ich (gerne) zuhause.

      Ich meine allerdings auch die Schwesterkirchen.
      Was die Freikirchen angeht: Es gibt so viele umd so unterschiedliche Freikirchen, dass ich diese nicht über einen Kamm scheren mag. Zudem kenne ich sie nicht gut genug. Hier kann ich mich nur auf meine Erfahrung berufen: Mir sind Freikirchen begegnet, die mir sympathisch sind und solche, die ich für eine Katastrophe halte. Letzteres trifft zum Beispiel auf Freikirchen zu, die mir in Brasilien begegnet sind…

      1. Mit der Einstellung kann ich gut leben 😉

        Es gibt halt bei den Freikirchen gute und weniger gute – wobei ich denke, dass das auch bei der Ortskirche der katholischen oder evangelischen Kirche so ist …

Dein Senf...