Seelsorger gesucht! Ein Pfarrer antwortet…

Auf den Artikel „Seelsorger gesucht!“ gab es unzählige Reaktionen aus ganz Deutschland. Viele Jugendliche und auch Erwachsene haben mir zugestimmt und mir teilweise sehr persönliche Mails mit ihren Geschichten geschrieben. Es gab aber auch kritische Rückmeldungen.

Thomas ist Pfarrer irgendwo im Deutschland – und schreibt in seinem Kommentar über den großen Druck, dem viele Seelsorger/innen ausgesetzt sind. Hier seine Rückmeldung und mein Versuch einer Antwort…

Hallo.
Schade… der Artikel scheint mir sehr einseitig und nicht differenziert.

Wissen eigentlich die Leute was heute ein Pfarrer, der seine Arbeit nur halbwegs gut machen möchte, dieser zu leisten hat?
Ich frage mich schon, wie ein Pfarrer (oder ich spreche besser von mir) – wie ich noch eine vernünftige Ministrantenpastoral leisten soll. Bei weitem ist das nicht mehr möglich und gerade weil ich weiß, wie defizitär meine Arbeit diesbezüglich ist, ärgere ich mich über diesen Artikel.

Es sind ja nicht nur die Ministranten. Die Senioren, die Vereine, die Verbände, die Kindergärten, die Sakramentenspendung, Beerdigungen… Ich denke ich muss das hier nicht aufzählen (oder vielleicht doch, weil ich das Gefühl habe, dass gerade in unserem Ordinariat (nicht Speyer) überhaupt niemand mehr weiß, was die Pfarrer tun müssen. Ich glaube sogar gar nicht mehr wissen wollen.)

Und wenn ich in die Jugendämter und auch das Minireferat (in unserer Diözese) schaue, dann kommen da Flyer und eine Hand voll Angebote – viel mehr aber auch nicht. Und wenn dort eine Wochenende oder Freizeit angeboten wird, dann wird dort genauso viele Tage, wie die Veranstaltung gedauert hat, Freizeitausgleich genommen.

Wenn ich ein Wochenende veranstalte, habe ich meistens am ersten und am letzten Tag noch Verpflichtungen; muss am freien Tag nacharbeiten.
Davon abgesehen, dass ich mittlerweile selbst für einzelne Tage kaum eine Messvertretung mehr finde. Und ich an einem Wochenende nicht alle Messen ausfallen lassen kann.

Und wenn hier pauschal gefordert wird, dass Pfarrer sich mehr um die Ministranten kümmern sollen, so scheint mir das sehr einseitig. Es gibt halt auch noch die anderen Gruppen, die genauso fordern und sich übrigens auch genauso beschweren. Vielleicht ist es der Unterschied, dass diese das eher gegenüber dem Pfarrer tun als Jugendliche.

Und auch an sich sollten manche Beschwerden hinterfragt werden. Manche Ehrenamtliche (bei aller Wertschätzung für die vielen, die unser Pfarreileben aufrecht erhalten) nehmen sich auch sehr wichtig und meinen der Pfarrer muss alles genauso machen wie sie es wollen. – Und wehe der macht das nicht!

In seelsorglichen Fällen bekommt bei mir jeder und sofort einen Termin, aber ich erlebe auch oft, dass Leute zu den unmöglichsten Zeiten vollkommen belangloses Zeug besprechen wollen und dann zutiefst beleidigt sind, wenn man sie bittet an einem anderen Tag zu kommen. Und dann werden Dinge erzählt, die so einfach nicht stimmen.

Wie gesagt, ich meine die Situation ist nicht so einseitig anzusehen. In jedem Fall müssten auch die Pfarrer gehört werden, denen dies vorgeworfen wird. Ich bin mir fast sicher, dass sich in vielen Fällen die Angelegenheit relativiert.

Viele Grüße,
Thomas

Hallo Thomas.

Aus Deinem Kommentar höre ich viel Bitterkeit heraus. Du erzählst davon, dass Pfarrer in der Gemeinde zunehmend mit Aufgaben überhäuft werden. So sehr, dass manches auf der Strecke bleibt, weil es schlichtweg nicht mehr anders geht. Gleichzeitig lese ich zwischen den Zeilen, dass Du Dir da Veränderungen wünschst. Dass Du eine Sehnsucht hast, mehr Seelsorger sein zu können. Lese ich richtig zwischen den Zeilen?

Ich weiß von dem Druck, der auf Priestern in der Pfarrei lastet. Mir geht es (entgegen der üblichen Vorurteile, die man hier und da hört) in meinen Aufgabenbereichen in der Jugendarbeit keineswegs besser – aber das ist ein anderes Thema, über das ich heute nicht schreiben will.

Wer meinen Artikel aufmerksam liest (vielleicht auch ein zweites Mal), wird feststellen, dass ich nicht über Mitbrüder „schimpfe“, die durch die Aufgabenfülle in der Pfarrei kaum noch Zeit haben. Würde ich das tun, so wäre das tatsächlich einseitig. Stattdessen schreibe ich über Mitbrüder und Seelsorger/innen, die die Jugendlichen (und auch andere Gruppen in der Gemeinde) ignorieren, ihnen keine Wertschätzung entgegenbringen und sie am ausgestreckten Arm geistlich verhungern lassen.

Ich denke, dass unsere Jugendlichen es sehr gut verstehen können, wenn ein Pfarrer oder ein/e Seelsorger/in ihnen erklärt, dass er nur begrenzt bei ihnen auftauchen kann, weil er noch eine Fülle weitere Aufgaben hat. Wenn er ihnen gleichzeitig zu verstehen gibt, dass er für sie ansprechbar ist, sie unterstützt so gut es geht und sich gerne regelmäßig mit ihnen treffen möchte (und wenn es nur einmal im Monat oder alle zwei Monate ist) um ihnen zuzuhören und in Kontakt zu bleiben – dann ist das schon ein großer Schritt auf die Jugendlichen zu.

Lieber Thomas, liebe Mitbrüder und Kolleg/innen,
niemand verlangt von Euch, dass Ihr jeden Tag mit den Jugendlichen rumhängt und ständig bei ihnen seid.
Das wollen die auch gar nicht, denn sie brauchen auch Zeit unter sich – ohne Erwachsene. Sehr wohl haben die Jugendlichen es aber verdient, dass sie sich auf uns Seelsorger/innen verlassen können. Dass wir uns regelmäßig Zeit für sie nehmen, ihnen zuhören, sie unterstützen so gut es geht und sie vor allem wertschätzen. Auch und vor allem dann, wenn sie sich kreativ mit ihrem Glauben beschäftigen und dabei auch in Grenzbereiche hineingehen. Lest hierzu doch mal die Predigten von Papst Franziskus am Weltjugendtag in Brasilien…

Und manchmal, ja manchmal könnte es auch ein Zeichen sein, wenn der Pfarrer diesen oder jenen Gruppen in der Pfarrei sagt: „Es tut mir leid. An diesem Tag habe ich keine Zeit, denn den habe ich für meine Jugendlichen reserviert. Die verlassen sich auf mich.“

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