Tag 20,2: Was geht – Was bleibt

20130808-150006.jpg10.00 Uhr. Ich sitze in einem Lanchonete (so was wie eine Raststätte) und schlürfe meinen glühend heißen Cafezinho. Draußen fährt ein gelb-weißer VW-Bulli vorbei und ich erkenne den alten Herrn am Lenkrad. “Elzio” rufe ich, der Bulli rutscht über die Sandpiste und eine Sekunde später liegen wir uns in den Armen.

Wir kennen uns vom Arbeitseinsatz der Kolpingjugend 1999. Elzio lacht immer noch so viel und so laut wie damals. Wir sprechen über die alten Zeiten und fahren weiter zum Haus von Paulo. Auch er und seine Frau umarmen mich kräftig. Hier werde ich bis morgen bleiben.

Nach einem weiteren Cafezinho in Paulo’s Hütte machen wir einen kleinen Spaziergang durch Fazenda Velha. Wir gehen einfach in die Häuser rein und reden mit den Leuten. Klingeln gibt’s keine – und wozu sollte man klingeln oder klopfen, wenn die Türen eh‘ schon offen sind…

In einem Haus kommt mir ein hübsches 18jähriges Mädchen entgegen und nimmt mich vor Freude strahlend in die Arme. Erst nach ein paar Sekunden kapiere ich, dass es Laetitia ist: Die Tochter von Leonici, die früher für uns gekocht hat. Ich hatte sie als 3jährigen Knirps im Gedächtnis… Sie hat mich wiedererkannt, weil in der Wohnung ein Bild von uns hängt.

Schließlich kommen wir an das Kolpinghaus, dass wir damals gebaut haben. Paulo wird still. Er war schon seit 5 Jahren nicht mehr im Gebäude, dass nun langsam vor sich hingammelt. Mir liegt ein Klos im Hals und ich frage, was geschehen ist.

Damals, sagt Paulo, seien alle voller Hoffnung gewesen, dass hier ein besonderer Ort entsteht. Ein Haus, in dem sich die Kolpingfamilien aus der Umgebung an den Wochenenden treffen, sich austauschen und miteinander die freie Zeit genießen. Aber dann habe Vitoria, die Koordinatorin der Kolpingfamilien, ihre Stelle gewechselt und plötzlich war die Luft raus. Ohne diese Unterstützung sei die Arbeit nach und nach eingeschlafen, so dass wir heute vor einem leeren Haus stehen.

Mir wird bewusst, dass wir in Sachen “Nachhaltigkeit” damals wohl nicht weit genug vorausgeblickt haben und wir stehen beide traurig da; suchen nach den passenden Worten.

Nach ein paar langen Minuten des betretenen Schweigens beginnen wir, unsere Erinnerungen an den Arbeitseinsatz auszutauschen.

Wir brauchen etwas Zeit, bis uns bewusst wird, was hier geschehen ist und was gerade geschieht: Ja, das Projekt Kolpinghaus ist gescheitert. Leider. Und doch gibt es eine Nachhaltigkeit, die keiner von uns vermissen möchte: Das gemeinsame Arbeiten an diesem Projekt hat jeden einzelnen von uns unwiderruflich geprägt. Hier sind Beziehungen entstanden, die weder durch die weite Entfernung unserer Länder noch durch die Zeit zerstört werden können. Hier haben Menschen aus verschiedenen Welten miteinander geschuftet; voneinander und miteinander gelernt.

Würde ich heute noch einmal hierherkommen, selbst wenn ich wüsste, dass das Projekt nach wenigen Jahren scheitert? Ja! Denn ich sehe, was “ganz nebenbei” an Gutem entstanden ist. Paulo und ich haben uns darauf geeinigt, dass wir auf diese Erfahrungen niemals verzichten wollen.

Abraços e ficam com Deus.20130808-150015.jpg

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