Der Artikel „Zwischen Kopfschütteln und Fremdschämen“ hat eine ungeheure Menge an Rückmeldungen ausgelöst. Dabei hat sich ein weiteres Themenfeld aufgetan, dass ich aufgrund seiner Komplexität im Artikel bewusst nur kurz angerissen habe ohne weiter darauf einzugehen. Das versuche ich, hier nachzuholen.

Wie verhält sich Katholische Kirche zur Frage der Pille danach*¹ im Fall einer Vergewaltigung?

Gestern Abend habe ich mir die Talkshow „Markus Lanz“ (ZDF, 05.02.13) angesehen. Martin Lohmann hatte sich der Diskussion gestellt und versucht, den Standpunkt der Kirche zu erklären. Dafür verdient er in meinen Augen zuerst einmal Respekt, denn in der derzeitigen Imagelage der Kirche startete er nicht gerade mit Pluspunkten beim Publikum, was an den wiederholten Lachern und Zwischenrufen schnell deutlich wurde. Einige inhaltliche Punkte sind mir aufgefallen, an denen ich mich hier teilweise orientieren möchte.

Wann beginnt menschliches Leben?

Die Kirche stellt sich den Anspruch, den Erkenntnissen der Wissenschaft zu folgen. Lohmann verweist auf die Neuzeit und den Theologen Thomas von Aquin. Damals bestand der Konses der Naturwissenschaften in der Auffassung, dass menschliches Leben erst in der Xten  Schwangerschaftswoche beginnt (leider habe ich keine genauen Zahlen.) Man sprach damals von der „Beseelung“ des Fötus. Vor diesem Zeitpunkt war eine Abtreibung auch aus kirchlicher Sicht völlig legitim. Aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht ist der Zeitpunkt des Beginns menschlichen Lebens nach vorne verschoben (Befruchtung der Eizelle*²).

Aus meiner Sicht ergeben sich daraus zwei Fragen:

  1. Haben wir das Recht, Frauen zu verurteilen, die sich zur Zeit von Thomas von Aquin am damaligen Wissenschaftsstand und an der damaligen Lehre der Kirche orientiert und sich für eine Abtreibung entschieden haben? Welche „Bewertung“ ist hier angebracht und welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für den theologischen Diskurs?
  2. Wie würden wir (Kirche) uns verhalten, wenn die Wissenschaft z.B. durch neue Erkenntnisse ihre Position revidieren würde? Wenn sie zum Beispiel feststellen würde, dass menschliches Leben erst mit der Herausbildung von Nervenbahnen und Gehirn im Fötus beginnt?

Ich denke, dass diese Fragen in der theologischen und ethischen Diskussion nicht ausgeklammert werden dürfen…

Die schwierige Suche nach dem „kleineren“ Übel*³

Hierbei handelt es sich um ein klassisches moralisches Dilemma, das in der Philosophie an vielen Stellen beschrieben wird: Es gibt Situationen im Leben, in denen ich keine Wahlmöglichkeit zwischen „richtig“ und „falsch“ habe. Meine Entscheidung wird so oder so negative Folgen oder zumindest einen bitteren Nachgeschmack haben. Wenn ich unverschuldet in eine solche Situation gerate und gezwungen bin, zwischen zwei Übeln zu entscheiden, ist es sinnvoll, mich für das kleinere Übel zu entscheiden. Eine moralisches Urteil ist dann nicht angebracht.

In diesem Fall ist die Grenze zwischen den Übeln so haarscharf gezogen, dass eine Entscheidung immer ein Drahtseilakt bleibt. Es mag Frauen geben, die es psychisch schaffen, zwischen dem Akt der Vergewaltigung und einer daraus hervorgegangenen Schwangerschaft eine Trennungslinie zu ziehen. Denen es gelingt, das Kind bedingungslos zu lieben und es anzunehmen. In den meisten Fällen jedoch (das kann ich nur vermuten) besteht die große Gefahr, dass genau das nicht gelingt und die Frau psychisch zerbricht und zugrunde geht.

Was ist da das kleinere Übel? Diese Frage zu beantworten steht mir in einem solchen Moment nicht zu. Als Seelsorger habe ich hier allein die Option, einer vergewaltigten Frau bei ihrer Beantwortung der Frage zur Seite zu stehen und sie zu unterstützen. Alle Argumente in die Waagschale zu werfen und sie zu begleiten. Übrigens fand ich die Argumentation von Lanz gegenüber Lohmann etwas unfair: De facto ist es nun mal so, dass am Ende die vergewaltigte Frau entscheiden muss, welchem Weg sie gehen will. Niemand hat das Recht, ihr vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu lassen habe. Wirklich niemand: Nicht der Staat, kein Arzt und auch keine Kirche.

Das Gewissensdillema

In der konkreten Praxis ergibt sich daraus das Problem des Gewissensdilemmas: Die Folgen der konkreten Entscheidung sind nicht in Gänze vorhersehbar. Es besteht immer die Gefahr, dass die Frau an ihrer Entscheidung und deren Folgen zerbricht.

In dieser Situation kann und muss unsere einzige Aufgabe als Kirche sein, die Frau in ihrer Entscheidungsfindung zu begleiten und sie zu unterstützen. Die Entscheidung zu respektieren und sie mitzutragen. Sie nach der Entscheidung nicht alleine zu lassen. Mit allen seelsorglichen Mitteln und Angeboten, die sie braucht, für sie da zu sein und ihr langfristig zu helfen. Es darf keine Verurteilung der einzelnen Gewissensentscheidung geben. (Lohmann verweist an diesem Punkt auf Thomas von Aquin: Die sorgfältig abgewogene Gewissensentscheidung steht in einer solchen Situation über den kirchlichen Gesetzen!)

Die katholische Kirche bezieht in diesem Kontext zwei Positionen: „Ja zum Leben“ und „Ja zur Freiheit der Gewissensentscheidung“ (vor allem in den absoluten Grenzfällen). Ein Mensch, der in einer Grenzsituation eine Entscheidung trifft, muss unterstützt und respektiert werden. Eine moralische Verurteilung kommt nicht in Frage.
Wenn man diese beiden Positionen voneinander trennt, passiert genau das, was zur Zeit geschieht. Kirchenvertreter und Katholiken, welche die Abtreibung in solchen Fällen grundsätzlich verteufeln, erweisen der Kirche m.E. damit einen Bärendienst.

Wie sollte sich die Kirche nun in solchen Fällen verhalten?

Viele meiner Gedanken sind hoffentlich in den obenstehenden Gedanken klar geworden. Ich könnte mir folgende Kommunikationslinie gut vorstellen:

„Wir (die Kirche) stehen für das Leben ein und beziehen damit Position gegen Abtreibung. Wurde jedoch eine Frau vergewaltigt und ihr somit unermessliches Leid zugefügt, steht das seelische, psychische und körperliche Heil dieser Frau an der ersten Stelle. Sollte sie sich nach sorgfältigem Abwägen sowie medizinischer und psychologischer Beratung für die Einnahme der Pille danach entscheiden, respektieren und unterstützen wir diese schwere Gewissensentscheidung und bieten ihr jede uns mögliche Hilfe und Begleitung an.“


*¹ Vorneweg: Mit der „Pille danach“ meine ich nicht die unstrittigen Ovulationshemmer, sondern die nidationshemmenden Präparate.
*² Liebe Mediziner: Habt ihr genauere Infos zum aktuellen Stand und Konsens der Forschung?
*³ Achtung: Wer sich in der Gedanken- und Sprachwelt der Philosophie nicht auskennt, sollte hier sehr gut aufpassen, damit kein Mißverständnis entsteht! Das „kleinere“ Übel bedeutet nicht, dass dieses tatsächlich auch klein ist. Es kann immer noch gewaltig sein. (999.999,99 Euro ist ein kleinerer Betrag als 1 Million Euro er ist aber nicht „klein“).