Twitter-Beichten und Ähnliches…

twitter_beichteKann man per Twitter (Facebook, WKW, Mail,…) „beichten“?

Diese Frage erschien vor Kurzem in den Tiefen des WWW. In meiner flapsigen Art habe ich darauf (mehr scherzhaft) getwittert: „Bin mal gespannt, wann ich meine erste Beichte per Twitter-DM reinkrieg…“. Die Quittung kam wenige Minuten später: Stefan meldete sich per DM mit einer „Twitter-Beichte im Selbstversuch“ – wohl ebensowenig ernst gemeint, wie das von mir abgesetzte Gezwitscher.

Beide haben wir festgestellt, daß eine „echte“, d.h. sakramentale Beichte, per Twitter weder möglich ist, noch wirklich Sinn macht:

  • Sie ist nicht möglich, weil sie schlichtweg nicht erlaubt ist. (Wobei sich hier eine spannende Meta-Diskussion aufgetan hat: „Was ist, wenn jemand in Todesgefahr eine Beichte ablegen will und nur per Twitter einen Priester erreicht?“ Hier gibt es im CIC (dem kirchlichen Gesetzbuch) durchaus einige offene Stellen, die ein/e Kirchenrechtler/in beantworten mag…)
  • Sie macht wenig Sinn: Der „Beichtende“ steht vor der Schwierigkeit, einen Sachverhalt in 140 Zeichen-Brocken zu schildern. Der Priester muß seine Antwort in ebensolchen winzigen Brocken zurückschicken. Sicher ist es in der Beichte sinnvoll, „sparsam“ mit Worten umzugehen – denn weniger ist oft mehr. Aber eine so krasse Beschränkung wie durch Twitter vorgegeben, stört mehr, als daß sie hilft.

Fazit: „Twitter-Beichten & Ähnliches – alles Quatsch?“
Keineswegs! –
Ich mache zunehmend die Erfahrung, daß sich Menschen per Internet mit ihren Sorgen und Nöten an mich wenden.

Über das „Warum“ kann ich nur Vermutungen anstellen: Die Gründe, warum gerade dieser Weg gewählt wird, kenne ich in der Regel nicht – und frage auch nicht nach.

  • Ist in der Nähe kein Seelsorger greifbar?
  • Hilft die Anonymität im Netz – mit der Möglichkeit, den Kontakt jederzeit auch wieder abzubrechen?
  • Ist das WWW wie ein (oft verpönter) alter Beichtstuhl, bei dem man optisch und räumlich dem Seelsorger nicht zu nah kommen muß und sich dadurch etwas „schützen“ kann?

Die Gespräche, die da im Web 2.0 entstehen „verbuche“ ich aber durchaus im Bereich der „Seelsorge“:

  • Manchmal werden nur Kleinigkeiten an mich herangetragen: Kurze Rückfragen oder Bitten um einen raschen „Tipp on the go“.
  • Bisweilen geht es in die Tiefe: Existentielle Nöte, Sorgen und Probleme werden angesprochen und gemeinsam angeschaut. Von „Auge zu Auge“ sozusagen, mit dem Gitter des Netzes dazwischen.

Neben den Chancen, welche das Web 2.0 der Seelsorge bietet, öffnet sich aber auch manche Schwierigkeit:

  • Vertrauen ist gut…: Doch selbst  die scheinbare „Anonymität“ im Netz fordert Vertrauen:
    Der „Fragesteller“ muß darauf vertrauen können, daß sein Gegenüber kein „Fake“ ist – daß er (oder sie) wirklich Seelsorger/in ist. Es stellen sich Fragen wie „Bleibt unser Gespräch wirklich vertraulich?, Ist dieser ‚Seelsorger‘ überhaupt in der Lage, mich und meine Fragen ernst zu nehmen?“,… Sicher ist es zumindest für den „Fragesteller“ sinnvoll, vorher nachzuforschen, an wen er sich da überhaupt wendet.
    Der „Seelsorger“ muß ebenso der Echtheit seines Gegenübers vertrauen: „Spielt da jemand mit mir? Macht da einer einen bösen Scherz? Will mich jemand ausnutzen oder für sich einnehmen?“
  • Wie sag‘ ich’s?
    Kommunikationsplattformen wie Twitter, Facebook & WKW mögen hilfreich für eine erste Kontaktaufnahme. Aber will ich mein „Innerstes“ wirklich einem Netzwerk „in der Wolke“ anvertrauen? Die Gefahr eingehen, daß meine Daten gespeichert werden und möglicherweise in 10 Jahren durch einen dummen Fehler an die Öffentlichkeit dringen?
    Auf Dauer wird man wohl eher auf die Kommunikation per Email umsteigen: Sicher gibt es auch hier Angriffsmöglichkeiten. Aber eine Mail ist doch „privater“ und bietet zudem die Möglichkeit, „mehr“ zu schreiben.
    Spätestens, wenn eine sakramentale Beichte gewünscht wird, muß der Raum des WWW zugunsten eines „echten“ Treffens gewechselt werden.

(M)ein Fazit: „Geistliche Gespräche im Netz?“ Ja, sie sind durchaus wert- & sinnvoll!

  • Blödsinnig wäre es, sie zu „verbieten“ – denn es sind die Menschen, die ihren Weg der Kontaktaufnahme zu einem Seelsorger auswählen. Die Tür ist da und es wird daran angeklopft – mit welchem Recht sollte ich sie einem Hilfesuchenden vor der Nase zuschlagen?
  • Vor dem Einstieg in ein „geistliches Gespräch im Netz“ sollten jedoch die Chancen und Grenzen desselben sorgfältig abgewogen werden: Und zwar auf beiden Seiten. Geht es zu schnell – wird es zu intim – oder schrillen plötzlich Alarmglocken im Hinterstübchen, ist eine gesunde Vorsicht angesagt!
Share:

2 comments

  1. Nachtrag:
    Noch ein „Problem“ aus meiner Sicht als Priester: Manchmal kann es auch mal ein paar Tage dauern, bevor ich eine Mail beantworten kann. Das kann schwierig werden, wenn erwartet wird, daß man als Seelsorger immer und jederzeit „abrufbar“ ist. Ist man nämlich nicht…

Dein Senf...