Eine Frau über den Feminismus

„Emanzipation – ein Irrtum?“ Eva Herman schreibt im „Cicero“ über Feminismus, Rollenanforderungen, Emanzipation und Irrtümer. Meine Meinung: Lesens- und Diskussionswert.

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4 comments

  1. Hallo Carsten,

    zunächst mal gratuliere ich Dir anlässlich Deiner Priesterweihe und wünsche Dir, dass Dein Dienst Dich und viele andere Menschen mit Gottes reichem Frieden und Segen erfüllt.
    Die Schreib-Selbsttherapie von Frau Herman kann ich nicht unkommentiert lassen – sicherlich meinst Du mit „lesens- und diskussionswert„ so etwas wie „fragwürdig“? Auf alle Kuriositäten und haarsträubenden Naivitäten im Artikel kann ich* zeitbedingt leider nicht eingehen; exemplarisch nur folgende Aspekte:
     Zunächst bügelt Frau H. alle Argumente gegen „das System„ pauschal und in höchstem Maße undifferenziert ab (siehe zweiter und dritter Absatz). „Der Mann steht in der Schöpfung als der aktive, kraftvolle, starke und beschützende Part, die Frau dagegen als der empfindsamere, mitfühlende, reinere und mütterliche Teil.…stärkte ihrem Mann den Rücken durch weibliche Fähigkeiten wie Empathie, Verständnis, Vorsicht… Welche Gnade sich in dieser schöpfungsgewollten Aufteilung findet…„ – mit solchen Formulierungen im Enzykliken-Stil stellt Frau H. menschliche Ordnungen und Arbeitsteilungen, die erfahrungsgemäß einer Zweckmäßigkeit und zeitlichen Entwicklung unterliegen, als für ewig natur- und gottgegeben hin und immunisiert ihre Thesen so gegen Kritik. Widerspruch also zwecklos!? Ich versuche es trotzdem…
     „die Familie zusammenhalten„ – ein Heer von überforderten Frauen, die in der Wahrnehmung dieses vermeintlichen „Schöpfungsauftrages„ seelisch und körperlich kaputtgehen, sehe ich hier in größerem Ausmaß als bei Frauen, die Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen versuchen.
     Freilich führt Frau H. auch unbestreitbare gesellschaftliche Sachverhalte an: Entwicklungs- und Bildungsdefizite, Zerbrechen von Familien, Verhaltensauffälligkeiten, Verunsicherung speziell bei Kindern und Jugendlichen … – und an all dem sollen Frauen schuld sein, die ihrem Schöpfungsauftrag nicht nachkommen und es an „Bemutterung„ fehlen lassen? Wie sieht es denn mit gesellschaftlichen Risiken aus: unverschämte Massenentlassungen und Angriffe auf Kündigungsschutz trotz Milliardengewinnen, Konkurrenz mehrerer Millionen Menschen um ein paar freie Arbeitsplätze, Forderung nach lebenslanger Flexibilität und Mobilität allerorten, ein Einkommen reicht kaum noch für eine Familie; aus all dem resultierende Unsicherheit – liegt hierin nicht die größte Gefahr für den Zusammenhalt von Familien und die Lust, Kinder zu bekommen? Daß Bildungsdefizite in Deutschland hauptsächlich und viel zu oft mit sozialer Benachteiligung (also nicht mit eitlen Rabenmüttern) zusammenhängen, weiß jede/r, der/die die PISA-Studie unvoreingenommen liest.
     Kein Wort verliert Frau H. über „Bevaterung„ sowie über Unterstützung der Frauen durch die Herren der Schöpfung im Haushalt. Was können Männer nicht mit Kindern tun, außer sie zur Welt zu bringen? Gibt es männliche Gene, die es verunmöglichen, einen Mülleimer aus der Wohnung zu tragen oder Geschirr abzuspülen? Männer, die Erziehungsurlaub nehmen, sind eine der seltensten Spezies und werden (außer unter Theologen und Sozialpädagogen) zumeist als „Weichei„ o.ä. verspottet. Also: Männer an den Wickeltisch!
     Niedrige Geburtenrate? Unbestreitbar. Doch liegt das an eitlen, sich selbst verwirklichenden Frauen? In Frankreich etwa ist es selbstverständlich, dass Mütter ein paar Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gehen und einen der ausreichend zur Verfügung stehenden Kinderbetreuungsplätze in Anspruch nehmen. Für das Wort „Rabenmutter“ gibt es keinen französischen adäquaten Begriff. Und die Geburtenrate? Ist in Frankreich deutlich höher als in Deutschland…
     „Entweiblichung der Frau und die Entmännlichung der Herrenwelt„ – mit dieser Formulierung verfällt Frau H. gar über die schwärmerische Verklärung hinaus, die sie entgegen eigener Bekundung begeht, einer dualistischen Ideologie, die auch finstersten Epochen unserer Geschichte zugrundelag: „Herrenwelt„ – wer denkt da nicht unweigerlich an jene, die einen „Herrenmenschen„ propagierten und Frauen je nach Lage der Nation entweder aus dem öffentlichen Leben wegzuekeln suchten, um für ihren Führer einen strammen Sohn nach dem anderen zu gebären, oder in Waffenfabriken sowie auf dem Feld als Ersatz für ihre an der Front verheizten Ehemänner und Söhne schuften ließen? Außerdem denke ich da an „Herrenwitze„, den Unsinn also, den manche rüpelhafte Männer unter sich erzählen… Ich als Mann will jedenfalls nicht in einer solchen „Herrenwelt„ leben und will auch nicht, dass Frauen ihre vermeintlich „männlichen„ Eigenschaften unterdrücken, sondern in der Gesellschaft zu Wort kommen.
     Überhaupt befasst sich Frau H. mit Luxusproblemen. Außerhalb unserer reichen Industrieländer sind Frauen in unvorstellbarer Weise von Armut und Unterdrückung betroffen. Vergewaltigung als Kriegswaffe, Ehrenmorde, Alleinerziehung unter elenden Bedingungen sowie AIDS-Infektionen wegen Verantwortungslosigkeit der Väter / Männer sind nur einige Stichworte – Frauen tun in vielen Entwicklungsländern 90% der Arbeit, aber nur 10% der Erwerbsarbeit und erhalten nur 1% des dafür gezahlten Lohnes. Die bei weitem erfolgreichsten Entwicklungsprojekte sind Kleinprojekte, die vor Ort mit Frauen ansetzen, ihnen Kenntnisse im Lesen & Schreiben sowie über Wirtschaft, politische & rechtliche Interessenvertretung und Gesundheit vermitteln, sie mit Kleinkrediten ausstatten etc.
    Freilich scheinen Thesen wie jene von Frau H. zur Zeit sehr in Mode zu sein: Wenn es Probleme gibt, ändert man halt nichts an den gesellschaftlichen Institutionen, sondern biegt die Menschen, in diesem Fall die Frauen, zurecht und weist ihnen anachronistische Rollenmuster zu.
    Sollten wir als Theologen dabei mitmachen? Oder nicht vielmehr jeden Menschen als Idee Gottes sehen, dessen Talente nicht in „männliche„ und „weibliche„ unterteilt werden, sondern ungeschmälert zur Entfaltung kommen sollten!?

    Viele Grüße,
    Wolfgang

    * Neben dem Studium Angestellter in einem kommunalen Job-Center, wo ich u.a. etliche Einblicke in die Lebenslagen alleinerziehender Frauen bekomme.

  2. Hallo Carsten

    Erstmal Herzlichen Glückwunsch zu deiner Priesterweihe sowie alles Gute und Gottes Segen für deine Zukunft.
    Außerdem muss ich hier aber noch ein paar Zeilen über Frau Hermans Artikel im „Cicero“ loswerden (wobei ich mich wesentlich kürzer als Frau Herman fassen werde).
    In erster Linie stören mich die häufigen Pauschalisierungen in Frau Hermans Artikel etwas. So spricht sie unter anderem von der schöpfungsbedingten Rollenverteilung zwischen Mann und Frau und scheint dabei zu übersehen, dass wir auf diesem Planeten hier alle zunächst einmal Menschen sind und dann erst Männer und Frauen. Menschen aber sind Wesen mir indivuduellen Fähigkeiten und Stärken. Mir fällt es nicht schwer mir vorzustellen, dass eine Frau Mutter und gleichzeitig eine, sagen wir, gute Ärztin sein kann. Soll sie jetzt ihren Beruf, in dem sie den Menschen hilft und gute Arbeit leistet, aufgeben, weil ihre Mutterrolle sie nun an Haus und Herd bindet? Frau Herman sei zum Thema Rollenverteilung die moderne Psychologie und Genderforschung zum Studium angeraten.
    Weiterhin noch ein paar Sätze zum Familienideal des ernährenden und beschützenden Mannes und der harmonie- und anlehnungsbedürftigen Frau, das Frau Herman als absolut und gottgegeben hinstellt. Dies ist es aber keineswegs, sondern vielmehr eine Erscheinung des Bürgertums im 18. und 19. Jhd. (siehe Schillers „Glocke“). Geht man in der europäischen Geschichte ein paar Jahrhunderte zurück, erkennt man, dass schon die mittelalterliche Bauernfamilie ohne die qualifizierte Mitarbeit der Frau, etwa bei der Butter- und Käseherstellung nicht hätte überleben können.
    Jetzt noch ein allerletzter Punkt, ein paar Worte zu Frau Hermans abfälligen Worten gegen Feministinnen, die sie „lila Latzhosenträgerinnen, die noch nie einen Mann oder ein Kind gehabt haben“ nennt. Ich finde diese Haltung etwas befremdlich, wenn man bedenkt, dass Frau Herman ohne das Wirken von Frauenrechtlerinnen und Feministinnen, die sich schließlich auch für recht nützliche Dinge wie das Frauenwahlrecht oder Gesetze gegen prügelnde Ehemänner eingesetzt haben, wohl kaum als Frau ihre Meinung in einem Magazin kundtun dürfte.
    Ich denke, dass Männer und Frauen mit ihren jeweiligen Fähigkeiten und Talenten zusammen arbeiten sollten, um unsere Welt zu gestalten, sei es in der Familie oder in der Gesellschaft. Gottseidank sind die Lebensentwürfe der Menschen bunter und vielfältiger als platte Rollenklischees.
    Viele Grüße und noch schöne Sommertage
    Christina

  3. Genesis rechtfertigt keine Unterdrückungen!

    Hallo,

    ich möchte diesem etwas nach unten gerutschten thread mal wieder ein bisschen Aufwind verleihen:

    In der Schöpfung ist weder eine Unterdrückung der Frau im Sinne völliger Ungleichheit der Geschlechter, noch eine Unterdrückung des Mannes angelegt. Aber auch keine völlige Rollengleichheit. Ich denke, in der Schöpfung ist eine Gleichwertigkeit der Rollen von Mann und Frau garantiert. Ja, es gibt verschiedene Rollen. Aber ich will den Begriff „Rolle“ um Gottes Willen nicht als „vor soundsoviel tausend Jahren festgeschrieben“ verstehen. Selbstverständlich haben sich seit der Genesis die Lebensverhältnisse des Menschen grundlegend geändert, weswegen man die folgende kleine Auslegung natürlich mit anderen Inhalten füllen müsste. Ich möche es aber kurz machen und am Text bleiben.

    Wenn Gott der Frau sagt, „Du sollst gebären“ (Gen 3,16), und dem Mann „Du sollst arbeiten“ (Gen 3,17-19), dann sieht er diese beiden Aufgaben als gleichwertig und gleichwichtig – entsprechend seiner ursprünglichen Schöpfung (Gen 1,27+2,18 („entspricht!„)) – an. Was dabei den Nachsatz „wird über dich herrschen„ in 3,16 angeht, so weiß ich heute, dass man hier den biblischen Text „rückwärts“, von seiner Entstehung her, lesen muss: Er (der Text) reflektiert die tatsächlichen Lebensverhältnisse zu seiner Entstehungszeit. Noch einmal: Diese haben sich seither grundlegend geändert. (Es gibt funktionierende Nationalstaaten, insbesondere in Deutschland, die Nahrungsmittelversorgung ist in unseren Breiten erheblich besser geworden, und auch da, wo die Verhältnisse denen der Genesis noch viel ähnlicher sind, sieht es heute wahrscheinlich politisch ganz anders aus.) Damit ist eine Übertragung dieser Klausel in unsere Tage natürlich unmöglich.

    Beiden Geschlechtern ist also das gleiche Maß an Verantwortung für die Menschheit aufgegeben, dass jeder auf seine Weise und in gegenseitiger Verwiesenheit zu erfüllen hat. In gegenseitiger Verwiesenheit heißt: Kein Geschlecht kann ohne das andere, und daraus folgen auch gegenseitiger Respekt, Achtung, Anerkennung – Liebe. Ein Aspekt, den Frau Herman offensichtlich nicht kennt; was es damit auf sich hat, lese man 1 Kor 13 nach. Der wichtigste Satz daraus: „Die Liebe sucht nicht ihren Vorteil.“ In diesem Sinne lasst uns weiterreden!

    Herzliche Grüße
    Pax Christi Sit Semper Vobiscum
    Matthias

  4. Haben unter den Theologen / -innen nur wir 3 eine Meinung zu diesem brisanten Thema? „Lehmann, warum ham’s bloß das Weiberthema g’nommen?“ sagte ein wackerer schwäbischer Lehrer, nachdem unser heutiger Kardinal seinen Abituraufsatz zur Vereinbarkeit von Mutterolle und Beruf verfasst und damit in weiser Voraussicht der wenig später aufkommenden Frauenbewegung ein zentrales Thema vorweggenommen hatte. Versinkt es heutzutage wieder im Dornröschenschlaf und stößt auf Unverständnis und Gleichgültigkeit?

Dein Senf...