24. Juni 2006. Bischof Anton weiht mich durch Handauflegung und Gebet zum Priester der heiligen katholischen Kirche. Was war ich damals aufgeregt. Auf einmal war ich was „Besonderes“.
Leicht über dem Erdboden schwebend bin ich losgezogen. Mit meiner kleinen theologischen Werkzeugkiste. Ein paar Schraubenzieher, Zangen, Hammer, Feile,… was man so braucht für den Beginn.
Dass dieses Starterkit auf Dauer nicht ausreicht, wenn man wirklich Seelsorger sein will, habe ich erst in der Praxis gelernt. Da war eine gute Portion Ausprobieren und Scheitern dabei. Auch, dass gutes Werkzeug allein nicht genügt, habe ich gelernt. Es will geschickt und mit Feingefühl eingesetzt werden. Dazu braucht man Erfahrung. Erfahrung, die sich erst im lebenslangen Lernen langsam aufbaut.
Es hat sich viel verändert seit dem 24. Juni 2006.
Vor allem ich habe mich verändert.
Das Gefühl, etwas „Besonderes“ zu sein, habe ich abgelegt.
Auch die Sache mit dem Schweben hat sich erledigt.
Danke dafür, Gott.
Danke, dass Du mich auf den Boden gestellt hast.
Fühlt sich irgendwie standfester an. Und auch ehrlicher.
Danke, dass ich lernen durfte, was es bedeutet, Priester zu sein: Dass es nicht darum geht, Sakramente zu verwalten, sondern Deine Liebe, Gott, zu verschenken. Zeuge zu sein. Suchender unter Suchenden. Zweifler unter Zweifler*innen. Glaubender, Liebender, Hoffender. Mensch voller Sehnsucht zu sein. Scheitern und Gelingen gehören dazu. Ebenso, manchmal einfach nur die Klappe zu halten, zu schweigen und zu hören.
Vor allem aber habe ich gelernt, dass es Jesus nicht ums Jenseits geht, sondern um das Hier und Heute. Dass sein wichtigstes Gebot (Liebe Gott, Deinen Nächsten, Dich selbst) untrennbar mit Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden verbunden ist.
Deshalb kann ich nicht anders, als mich solidarisch an die Seite derer zu stellen, die gerne mal, immer noch und immer wieder benachteiligt oder gar verletzt werden. Mit Blick auf unsere Kirche denke ich dabei besonders an Menschen aus der LGBTIQ-Community. An Frauen. An die unzähligen Betroffenen sexualisierter und spiritueller Gewalt.
Ich sehne den Tag herbei, an dem wir nicht mehr darüber streiten, WEN jemand liebt – sondern Gott dafür preisen, DASS Menschen lieben.
Ich sehne den Tag herbei, an dem wir nicht mehr darüber streiten, ob Frauen (und andere „Laien“) Gottes Wort in der Eucharistie verkünden dürfen – sondern die Entscheidung treffen, dass Verkünderinnen der Frohen Botschaft selbstverständlich auch Priesterinnen, Bischöfinnen und Päpstin werden können, wenn Gott sie dazu beruft.
Ich sehne den Tag herbei, an dem Kirche nicht mehr nur hier und da Missbrauch aufarbeitet – sondern konsequent und weltweit klare Konsequenzen zieht und Menschen wirksam schützt.
Ja. Ich bin Priester.
Gerne und von Herzen.
Mit einem sich ständig wandelnden Werkzeugkoffer.
Ich liebe unsere Kirche und ringe mit ihr.
Vor allem aber brenne ich für die Frohe Botschaft.
Für Glaube, Liebe, Hoffnung.
…und ab und an für ein kühles Bier mit Freundinnen und nen Schwenkbraten am Lagerfeuer.
#20jahre #priester #geerdet #geliebt #unterwegs
