Tag 1 nach der Wahl in Sachsen-Anhalt.
Der Wecker klingelt. Ich trinke Kaffee. Lese die Nachrichten. Checke nochmal, ob das gestern Abend ein Albtraum war. War’s nicht. Ist einer.
„Wir haben Geschichte geschrieben“ sagt AfD-Spitzenkandidat Siegmund.
Ich muss ihm voll und ganz zustimmen. Wir haben Geschichte geschrieben.
Aber… wer ist dieses WIR?
WIR: Die AfD.
„Wir“ haben es geschafft, mit Lügenerzählungen, Hass und uralten Naziparolen über 44% der Wählenden für uns zu gewinnen. Wir haben es geschafft, sogar jene zu überzeugen, die unter unserer Politik am Meisten Federn lassen müssen. Wir haben keine Angst. Hass verleiht uns Flügel. Wir sind stark. Wir lachen die Demokratie aus und werden sie abschaffen. Unsere Vorfahren haben das Drehbuch geschrieben. Scheint immer noch zu funktionieren.
WIR: Die Politiker, die die AfD halbieren wollten.
„Keine Sorge. Die sind bald wieder weg“ haben „wir“ gerufen. Wir werden eine bessere Politik machen, als unsere ewigen Feinde, die Grünen. Und zwar, indem wir leise und (un)heimlich Politik für Reiche (sic) machen. Indem wir jene beschimpfen und belächeln, die nur Nutznießer des Systems sind. All die arbeitsfaulen Deutschen, die sich nach Jahrzehnten harter Arbeit in die Rente retten wollen. Wir haben es geschafft, die Menschen zu überzeugen. Und wir werden weitermachen.
WIR: All jene, die sich standhaft verweigern, die Instrumente des Grundgesetzes zu nutzen, um eine rechtsextreme Partei zu verbieten.
„Das könnte ja schiefgehen“, haben „wir“ gesagt. Und „wir werden sie inhaltlich stellen“. Irgendwann. Vielleicht. Bis dahin müssen wir einfach nur miteinander reden.
WIR: Die Menschen, die der AfD ihre Stimme gegeben haben.
„Wir“, denen ein bisschen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit nichts ausmacht. Vielleicht kriegen die Nazis es ja doch besser hin, als die Altparteien, rufen wir. Und nein. Natürlich sind „wir“ keine Nazis. Nur besorgte Bürger.
WIR: Die wir geschwiegen haben. Wie unsere Vorfahren.
WIR. Auch ich?
Wir haben Geschichte geschrieben.
Wir zeigen der Welt, dass wir aus den dunkelsten Kapiteln der Geschichte nur wenig gelernt haben. Ein paar Jahrzehnte lang haben wir die Opfer des NS-Regimes lieb betütelt. Jetzt sind sie fast alle weg. Deutschland macht sich bereit für Version 2.0.
Und jetzt?
Jetzt gilt es, alle Menschen mit Herz, Verstand und Anstand zusammenzubringen.
Miteinander zu kämpfen.
Für Menschenwürde.
Für Demokratie.
Ich habe Hoffnung. Noch.
Ich setze auf all die Vernünftigen in den demokratischen Parteien. Auf jene, denen unsere Gesellschaft und unsere Welt wichtiger ist, als Parteifarben. Ich setze auf die bunt gemischte Gruppe, die sich in unserem Netzwerk „DemokraTisch am Donnersberg“ zusammenfindet, um hier vor Ort zusammenzustehen. Ich setze auf all die Menschen, die von einem Land träumen, in dem jede und jeder gut leben kann.
Ich setze auf #Demokratie und #Menschenwürde
