Segensbusiness

„Aaaaaaaaah“ mein Urschrei lässt den dösenden Hund vor Schreck aufspringen. Mit weit aufgerissenen Augen stehen Hund und Herrchen in der Küche und starren auf den Zeigefinger, den ich in die Luft halte.

„E.T. nach Hause telefonieren?“ fragt Phil.
„Wie bitte?“
„E.T. nach Hause telefonieren! So siehst du aus. Wie der kleine Ausserirdische, der seinen Finger nach oben hält.“
„Alter. E.T.’s Finger hat geleuchtet. Meiner ist einfach nur voller Blut und tut weh wie hulle. Mir ist grad nicht so nach Frotzeleien…“
„Sorry. Hab’s nicht so gemeint.“ Der Hund setzt einen versöhnlichen Blick auf und begutachtet den Finger.
„Da fehlt was.“
„Ach ne.“ stöhne ich und suche im frisch gehobelten Gurkensalat nach dem Stück Finger, dass ich mir gerade abgesäbelt habe. „Schau her. Da isser ja. Hängt noch im Hobel drin.“
Phil räuspert sich. „Ähm. Ich kenn mich ja nicht aus. Aber vielleicht solltest du so langsam die Wunde zudrücken und verbinden, bevor du hier alles vollblutest.“

Kurz darauf sitzen wir beide in der Küche. Interessiert beschnüffelt Phil den Zeigefinger meiner rechten Hand, der in dicke Mullbinden eingepackt ist. Er nickt anerkennend „Dem hast du’s gegeben. Ordentlich. Respekt.“
Schweigend nehme ich einen großen Schluck Rotwein aus dem Glas vor mir. Der Finger pocht. Mir ist leicht schwindelig.

Ein Glas Rotwein später beginne ich, zu philosophieren. „Vielleicht“ murmele ich in meinen Bart „sollte man mal einen Segen einführen, der vor Unfällen in der Küche bewahrt.“
„Häh?“ fragt Phil.
„Na. Wir haben doch für alles Mögliche einen Segen. Es gibt den allgemeinen Segen, einen Segen gegen das Böse, den Wettersegen, den Blasiussegen gegen Halskrankheiten… Aber ich hab noch keinen Segen gegen Küchenunfälle gesehen. Und rein statistisch ist die Küche der gefährlichste Ort im ganzen Haus. Das wär also ne echte Marktlücke im Segensbusiness.“

Der schwarze Hund lupft die Augenbraue. „Dein Ernst jetzt? Du weißt schon, dass die Segnerei nicht so funktioniert?!“
„Klar weiß ich das. Aber praktisch wär’s schon. Wenn’s einen Segensspruch gäbe, der alles gut macht und der alles Blöde verhindert.“

Phil schnuppert grübelnd an meinem Finger. „Irgendwie seltsam“ meint er schließlich. „Da stehst du sonntags in der Kirche und sagst so Sachen wie „Der Herr segne Euch und bewahre Euch vor allem Unheil“ – und dann schnippelst du dir mit dem Salathobel den Finger ab. Nicht sehr effektiv, oder?“
„Naja“ wende ich ein. „Vielleicht ist so ein Segen am Ende ja mehr ein guter Wunsch, den man den Menschen mitgibt. Und die Hoffnung, dass Gott irgendwie auf uns aufpasst.“
„Kann sein. Aber das würde dann ja bedeuten, dass Gott eben gerade nicht auf dich aufgepasst hat.“
„Oder… Oder es kann bedeuten, dass Gott zwar aufpasst, aber auch erwartet, dass ich meinen Verstand einschalte und ein bisschen mitdenke. Was ich offensichtlich gerade nicht getan habe.“

Der kleine Hund braucht einen Moment. „Okay. So könnte das passen. Gott segnet dich – aber wenn du zu blöd bist, den Salathobel richtig zu bedienen, musst du halt mit den Konsequenzen leben. Klingt logisch.“
„Hey. Ich bin nicht zu blöd…“
Phil starrt auf meinen Zeigefinger und räuspert sich.
„Ja. Hast ja recht. Mein Fehler. Wird so schnell nicht wieder passieren.“

„Siehste“ kichert der Hund. „Und für den Fall, dass du wieder mal zum Hobel greifst, wünsche ich dir Gottes Segen – und dass du deinen Verstand einschaltest.“
„Amen.“

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