Allerseelen

„Schau mal, Phil“. Ich krame in der Hosentasche und entsperre das Smartphone. „Hier. Ein Bild, das ich eben nach dem Gottesdienst gemacht habe.“
„Boah. Das ist aber schön“ staunt mein schwarzer Hund. „So viele leuchtende Kerzen. Machst du das immer?“

„Nein. Nur an ganz wenigen Tagen. Zum Beispiel an Ostern. Und heute.“
„Warum heute?“ „Weil heute Allerseelen ist.“

Mit fragenden Augen schaut Phil mich an und wartet ab.
„Allerseelen. Da denken wir an alle Menschen, die im letzten Jahr gestorben sind. Und auch an alle Anderen, die wir vermissen.“

Mit der linken Hinterpfote kratzt Phil sich ausgiebig am Ohr. Das macht er öfter, wenn er nachdenkt. „Du, Carsten“ fragt er. „Was ist das? Sterben?“
Uff. Wie erkläre ich das einem dreijährigen Mischlingshund?

„Weißt Du“, stammele ich „wir Menschen leben nicht immer. Wir kommen auf die Welt, leben unser Leben. Und irgendwann sterben wir.“

„Ja aber. Was ist das? Sterben?“ wiederholt Phil seine Frage.
„Sterben. Hmmm. Das ist so… als ob Du einschläfst… und nicht mehr wach wirst.“
„Nie mehr?“ „Nie mehr!“

Phil überlegt. Lange. Dann schüttelt er sich. Noch so eine Sache, die Hunde machen. Zum Beispiel, wenn sie Stress haben. Offensichtlich ist Phil gerade ziemlich gestresst…
„Ich mag das nicht. Weil wenn man immer nur schläft, kann man ja gar nicht rumrennen und spielen und schnüffeln. Das ist blöd.“ grollt es aus seiner Hundekehle. „Und traurig ist es auch.“
„Ja“, sag ich.  „Weißt Du noch, als Omi vor ein paar Wochen gestorben ist. Da war ich auch traurig.“

„Du, Carsten?“ „Ja, Phil.“ 
„Warum macht ihr das mit den Kerzen?“
„Wir zünden für jeden, der im letzten Jahr gestorben ist eine Kerze an. Weil wir glauben, dass die, die gestorben sind, jetzt bei Gott sind. Dass sie dort weiterleben. Die Kerzen erinnern uns an sie. Sie sind schön und hell.“

„Also doch nicht so ganz tot?“ hakt Phil nach.
„Naja. Für uns schon irgendwie“ grübele ich. „Sie sind nicht mehr hier. Aber bei Gott. Da leben sie weiter.“

Phil schüttelt sich noch einmal. Lange bleibt er still. Denkt nach.

„Ist es dort schön? Bei Gott?“ will er wissen.
„Ganz bestimmt“ sag ich. „Dort ist es total schön. Da ist keiner mehr traurig. Da ist keiner mehr krank. Da geht’s niemandem mehr schlecht. Da sind alle glücklich. Wir nennen diesen Ort den Himmel.“

Phil betrachtet das Bild aus der Kirche. Dann schaut er mir in die Augen. Seine Ohren hat er weit nach hinten gezogen. Ganz leise fragt er „Und Du? Wirst Du auch sterben?“ „Ja, Phil,“ antworte ich. „das gehört dazu.“
„Und ich?“ „Ja. Auch Du.“

„Carsten?“
„Phil?“
„Kommen Hunde auch in den Himmel?“

Sein Blick trifft mich. Ganz tief. Ich muss schlucken.
„Ja, Phil. Ich glaub ganz fest dran, dass Hunde auch in den Himmel kommen.“

Der kleine große schwarze Hund mit den weißen Pfoten steht da. Sanft wedelt er mit der Rute. „Dann ist alles gut.“ meint er. „Dann werden wir uns dort ja treffen. In Deinem Himmel.“

#gesprächemitphil

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