Ich bin nicht hier, um dir zu gefall’n

„Wie geht’s Dir eigentlich, so als Pfarrer?“ fragen mich die Leute immer wieder mal. „Och, ganz ok.“ ist dann die kurze und schnelle Antwort, mit der sich die meisten zufrieden geben.

Zum Glück tun sie das, denn würde ich jedes Mal ausholen und erklären, wäre das für beide Seiten echt lang und anstrengend. Wobei: Wer mir bei dieser Antwort ins Gesicht schaut, weiß sehr schnell, dass „ganz ok“ nur ein winziger und ziemlich beschönigender Ausschnitt meiner Gedankenwelt ist. Denn der Versuch, ein Pokerface aufzusetzen, scheitert mit Pauken und Trompeten…

Um den Kopf etwas freizuräumen (das braucht er gerade) hier der Versuch einer etwas deutlicheren Antwort. Mit dem vorgeschalteten Hinweis: Aus guten Gründen kann ich hier nicht alles sagen und überall Klartext reden. Und noch ein Disclaimer: Die folgenden Gedanken sind meine persönlichen Eindrücke und keine wissenschaftlich-theologische Abhandlung. Ich verzichte darauf, jeden einzelnen Punkt nochmal theologisch aufzufalten – wer sich bemühen mag, findet zu den einzelnen Punkten jede Menge schlauer Gedanken von renommierten Theolog*innen…

Also: Let’s go!
„Wie geht’s Dir eigentlich, so als Pfarrer?“

Mir geht’s super-gut!

Denn ich bin angetreten für eine Sache, die mich seit meiner Kindheit und Jugend zunehmend begeistert.

Dieser Jesus mit seinem unfassbar weiten Horizont, seiner Offenheit für alle Menschen, seiner tiefen Klugheit und gerissenen Gewitztheit im Umgang mit allerlei „Baustellen“ und „Bremser*innen“, seinem unstillbaren Durst nach Gerechtigkeit und Freiheit, seinem ungezwungenen, kritischen und oft paradoxen Umgang mit den festgefahrenen Traditionen seiner Zeit … fasziniert mich täglich auf’s Neue. Es wird auch nicht langweilig: Je besser ich ihn kennenlerne, desto mehr Facetten fallen mir an ihm auf. Vermutlich werde ich mein Leben lang damit beschäftigt sein, frische Inspirationen in seiner Botschaft zu finden und mich zu fragen, was er uns damit sagen will.

Darauf hab ich voll Bock! Um so mehr, weil ich beim Experiment „Jesus kennenlernen“ nicht alleine bin und ständig Menschen begegnen darf, die auf dem gleichen Weg unterwegs sind. Dann tauschen wir uns aus, lernen von- und miteinander, hinterfragen uns kritisch und befruchten dabei unsere Gedanken- und Glaubenswelt mit neuem Input.

Als Pfarrer einer kleinen Landpfarrei in der Nordpfalz habe ich das wunderbare Glück, immer wieder mal auf Menschen zu treffen, die trotz aller „Bad News“ in Sachen Kirche so richtig Lust haben, die Botschaft Jesu vor Ort in die Tat umzusetzen. Da wird dann nicht lange gefackelt und rumdiskutiert – es wird einfach gemacht.

Am Eindrücklichsten erlebe ich das derzeit rund um all die Projekte, mit denen wir die Kriegsgeflüchteten aus der Ukraine unterstützen. Immer wieder auch in Gesprächen mit Menschen, die sich in unserer Pfarrei engagieren und dabei für eine offene und vielfältige Kirche brennen.

Mir geht’s beschissen!

Denn ich arbeite in einem System, dass im Sterben liegt.

In einer Kirche, der die Mitglieder in Scharen davonrennen. In einer Kirche, der es nicht gelingt, den unsäglichen Missbrauch an Schutzbefohlenen sauber aufzuarbeiten. In einer Kirche, die es nicht schafft, unsere Glaubensschwestern wirklich gleichberechtigt und auf Augenhöhe zu behandeln. In einer Kirche, die Gott ein fettes Stoppschild ins Gesicht schlägt, während er laut und deutlich Frauen in die Nachfolge seine Sohnes ruft. In einer Kirche, für die „Liebe“ nicht gleich „Liebe“ ist. In einer Kirche, die immer noch nicht gelernt hat, vernünftig miteinander zu streiten und anzuerkennen, dass der Geist Gottes nicht nur in und durch geweihte Amtsträger weht. In einer Kirche, die sich mit einem immensen Energieaufwand an rosawolkig-wabernden Traditionen festhält, mit denen sie gerade noch einen winzigen Bruchteil der Glaubenden erreicht. In einer Kirche, die gegenüber Veränderungen und Innovationen (und seien sie noch so gut theologisch begründet) allergisch reagiert und immer wieder die Bremse reinhaut. In einer Kirche, die ein Idealbild von uns Priestern zeichnet, an dem wir letztlich nur scheitern können – oder beim Versuch, dem Bild zu entsprechen, über kurz oder lang mit einem Burnout in der Klinik landen. In einer Kirche, die ihren Priestern gesunde, erwachsene und stärkende Beziehungen zu Partnerinnen willkürlich verweigert oder auch gewährt (je nachdem, ob sie diesem oder jenem Ritus angehören).

JA!

Ich will gemeinsam mit jungen und alten Christ*innen der Frohen Botschaft auf den Grund gehen.

JA! Ich kann mir nichts Schöneres und Größeres vorstellen, als gemeinsam mit Verbündeten diese Welt zu einem Ort zu gestalten, in dem Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Freiheit für alle spürbar sind. Eine Welt, in der Menschen in gesunder Beziehungen zueinander und zu Gott stehen. Eine Welt und eine Kirche, die toxische Regeln und Traditionen mit großem Freimut abschafft, um Gottes Geist Raum zu geben. Für all das finde ich in meiner Pfarrei immer wieder Menschen und Räume für erste Schritte und mutige Projekte. Für all das finde ich in meiner Pfarrei immer wieder Menschen, die Lust haben, Dinge auszuprobieren, für Fehler offen zu sein und im Gehen zu lernen.

NEIN!

„Ich bin nicht hier, um Dir zu gefall’n!“ – ich weigere mich, es allen und jedem Recht machen zu wollen. Denn ich bin nicht Jesus (und selbst der konnte es nicht allen Recht machen).

NEIN! Ich habe keine Lust und keine Energie, mit aller Gewalt ein realitätsfernes und überhöhtes Priesterbild auszufüllen, das schon immer toxisch war: Das eines Pfarrers, der rund um die Uhr und immer erreichbar als „Mädchen für alles“ die Aufgabe hatte, die Welt und die Kirche zu retten und jedes Bedürfnis zu stillen. Mein Job ist es, Brücken zu bauen, Menschen zu begleiten – und schließlich ein (und nur ein!) Teil einer Gemeinschaft zu sein, die miteinander nach der Frohen Botschaft fragt und sie nach bestem Wissen und Gewissen vor Ort spürbar werden lässt. Mein Job ist es, „Rufer in der Wüste“ zu sein – unser Tun kritisch zu hinterfragen und auch mich selbst ständig kritisch hinterfragen zu lassen. Mein Job ist es, Räume zu öffnen für Neues, das Gott entstehen lässt – und liebgewordene Dinge und Traditionen, die im Sterben liegen, zu begleiten und sie in Würde sterben lassen. Das kann ich nur, wenn ich dabei gesund bleibe, auf meine Energie (ja, auch auf meine Arbeitszeit!) achte, mit Gott in Kontakt bleibe und lebendige Beziehungen zu Menschen pflege – im dienstlichen UND im privaten Kontext.

All das beschäftigt mich tagein, tagaus.

All das kostet Energie. So richtig.

Wie’s mir geht?
Ganz ok. Super gut. Extrem bescheiden.
Alles dabei. Weiß nicht so recht.
So geht’s mir halt.

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