13 Jahre vaticarsten.de…

Herbst 1998. Nach Abi und Ferienjob bei der Firma Festo in Rohrbach packte ich meinen kleinen schwarzen Fiat Panda (das Luxusmodell mit Faltdach) und tuckerte mit 110km/h nach Mainz. War das aufregend! Hinter mir lag der schwere und tränenreiche Abschied von Zuhause – vor mir eine neue Welt.

Als Erstsemestler mit kleinem Budget mietete ich mich in der KHG Mainz ein und bezog dort mit meinem gesamten Besitz (4 Kisten) ein winziges Doppelzimmer. Mein Zimmernachbar war ein spanischer Student, mit dem ich recht gut auskam: Schnell habe ich gelernt anzuklopfen, bevor ich ins gemeinsame Zimmer ging – um ihn und seine Freundin nicht in einem intimen Moment zu stören…

Schon nach wenigen Wochen an der Uni war klar, dass mir ein lebensnotwendiges Utensil fehlte: Ich hatte keinen Computer. Mist. Ich brauchte unbedingt so ein Teil. Am besten ein Laptop. Aber die waren unerschwinglich teuer. Nach wochenlanger Suche schlug mir ein befreundeter Priester einen etwas „schrägen“ Deal vor.
In seiner Freizeit sorgte er sich ab und an um Prostituierte im Frankfurter Bahnhofsviertel. Er half ihnen aus, wenn sie in einer seelsorglichen oder finanziellen Notlage waren. Eine der Damen war gerade in einer solchen Lage. Ein Freier hatte immense Schulden bei ihr, konnte sie jedoch nicht bar auszahlen. Also gab er ihr seinem Laptop. Mein Freund zahlte der Dame einen ordentlichen Preis, wodurch sie aus ihrer Notlage rauskam. Ich wiederum durfte das Gerät in kleinen Raten bei ihm abstottern. Eine Win-Win-Situation für alle Seiten.

Ein laut piepsendes, gurgelndes und zischendes Modem vervollständigte den neu erstandenen Laptop und öffnete mir die Tür zu einer weiteren faszinierenden unbekannten Welt, die mich sofort in Beschlag nahm. Ich war neugierig; wollte wissen, wie es hinter den quietschbunten und blinkenden Internetseiten aussah und begann, Html-Code zu lernen. Eine willkommene Abwechslung zum Theologiestudium.

Um das gelernte Wissen anzuwenden, kam mir die Schnapsidee, eine eigene Internetseite zu gestalten. Vaticarsten.de sollte sie heißen: Eine Mischung aus „Vatican“ und „Carsten“ – ich war damals (und bin es heute noch) ein großer Fan von Johannes Paul II. Ich fand das etwas albern, aber auch lustig.

Nach den ersten Spielereien im Sommer 1999 fragte ich mich, ob die Homepage auch einen praktischen Mehrwert haben könnte. Mir war aufgefallen, dass es im Fachschaftszimmer Ordner mit Mitschriften von Kommiliton/innen gab. Diese waren jedoch unvollständig, veraltet und oft unauffindbar verschwunden. Das könnte doch eine „Marktlücke“ sein: Aktuelle Vorlesungsmitschriften, die man sich von überall einfach so auf seinen PC laden kann.

Den Anfang machte eine meiner Hausarbeiten (Psalm 122, AT-Exegese). Einige Kommiliton/innen fanden das Experiment spannend und begannen damit, mich mit ihren persönlichen Mitschriften zu versorgen. Allen voran Anke Jarzina (die damals noch Anke Heinz hieß). Nach und nach wuchs der Bestand an Mitschriften und Hausarbeiten so sehr an, dass aus dem kleinen Projekt eine echte Studienhilfe wurde. Übrigens auch für mich: Ich finanzierte das Studium, indem ich mich Selbständig machte und viel für die Adam Opel AG arbeitete. Durch die häufigen Dienstreisen konnte ich manche Vorlesungen nicht regelmäßig besuchen. Die Mitschriften auf meiner Seite waren da eine große Hilfe bei den Prüfungsvorbereitungen.

Neben dem Angebot der Mitschriften begann ich, hin und wieder aus meinem Leben zu erzählen und kleine Kommentare zu allen möglichen Ereignissen und Dingen zu schreiben. Damals war der Begriff „Blog“ gerade erst im Entstehen. Blogs waren noch weitgehend unbekannt – im kirchlichen Raum gab es so gut wie nichts. Einer der „Vorreiter“ im kirchlichen Kontext in Deutschland zu sein fand ich absolut spannend.

Da sich die Seite mehr und mehr in Richtung eines Blogs entwickelte, stieß ich mit dem bisherigen System bald an meine Grenzen: Vaticarsten.de bestand zunächst noch komplett aus HTML-Dateien: Verschachtelte Tabellen & Inline-Frames; die Designinformationen komplett im HTML-Quellcode der einzelnen Seiten implementiert (von CSS hatte ich keine Ahnung). Der Programmieraufwand für neue Artikel und Seiten war immens und nervig. Nach einigen Experimenten mit CMS-Systemen stieg ich 2004 auf WordPress um: Nach einem üblen Serverausfall waren alle Daten weg und ich spielte ohnehin schon länger mit dem Gedanken auf ein „echtes“ Blogsystem umzusteigen. Die Mitschriften konnte ich retten, die Artikel waren weg (deshalb startet auch das Archiv heute erst mit dem April 2004). Mit den Möglichkeiten die WordPress bietet, bin ich sehr zufrieden. Als Designbasis nutze ich Thesis – eine Kombination, die gut funktioniert und nicht übermäßig viel Pflege braucht. Den gleichen Weg gehe ich übrigens auch bei dein-leben-dein-weg.de.

Das Bloggen betreibe ich heute (leider) nur sporadisch: Meistens fehlt mir schlichtweg die Zeit, einen Artikel zu schreiben; die „Kleinigkeiten“ landen eher bei Facebook oder Twitter als in einem eigenen Post. Mittlerweile gibt es jede Menge „katholische“ & christliche Blogs, deren Qualität m.E. extrem unterschiedlich ist. Qualitätsblogs (wie z.B. geist-erfahrer.org) sind leider etwas spärlich gesät. Das wäre doch mal eine Aufgabe für motivierte, glaubensbegeisterte junge Menschen, oder? 😉

Hier kommen noch ein paar (unvollständige) Screenshots, die ich bei wayback.archive.org gefunden habe…

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1 comment

  1. Auf der Suche nach Parmenides bin ich hier gelandet und, was soll ich sagen, mir gefällt die Seite ausgesprochen gut. Werde wohl noch ein wenig verweilen.

Dein Senf...