Leben lernen…

„Wir haben Eure Lebensläufe begradigt wie die Flüsse. Wo wir noch mäandern konnten, uns treiben ließen, rauscht Ihr geradeaus durch.“

Henning Sußebach schreibt auf Zeit online einen Brief an seine Tochter. Kritisch und mit spitzer Feder hinterfragt er darin das deutsche Schulsystem – insbesondere „G8“ die Kürzung der Schulzeit bis zum Abi um ein ganzes Jahr.

Für meine Generation war die Schulzeit sicherlich kein Zuckerschlecken. Trotzdem hatten wir nach Schule und Hausaufgaben noch jede Menge Zeit, den Tag zu nutzen. Wir haben uns mit Freunden getroffen, waren albern, konnten nach Herzenslust herumhängen UND hatten sogar noch jede Menge Energie, uns sozial zu engagieren: In Messdienergruppenstunden. Bei der Kolpingjugend. Bei der KjG und den Pfadfindern. Jugendarbeit war lebendig in unserem kleinen Dorf.
Wir hatten Spaß – es war ’ne geile Zeit! Ganz nebenbei haben wir „Leben gelernt“: Wir sind gewachsen an den vielen Aufgaben, die wir wahrgenommen haben. In den ersten sechs / sieben Stunden des Tages haben unsere Lehrer uns vermittelt, wie wichtig es sei, Verantwortung zu übernehmen. Aus unserem Leben was zu machen. Am Nachmittag haben wir die Theorie in die Praxis umgesetzt.

Jugendliche, die heute ihr Abi bestehen wollen, überlegen sich zwei Mal, ob nach der Schule noch Zeit und Energie für ein soziales Engagement da ist. Sie müssen den gleichen Stoff in ihr Hirn reinquetschen wie wir. Haben dazu aber ein ganzes Jahr weniger Zeit. Die Schule endet am späten Nachmittag. Dann die Hausaufgaben. Während wir schon auf der Couch im Gruppenraum gechilled haben, sitzen junge Leute im Jahr 2011 noch am Schreibtisch und pauken…

Wen wundert es da, dass Jugendverbände ausbluten: Weil schlichtweg immer weniger Jugendliche noch Ressourcen frei haben. Weil die schlichtweg keine Zeit mehr da ist. Ich ziehe meinen Hut vor allen Jugendlichen, die heute noch eine Gruppenleiterschulung besuchen, Gruppenstunden leiten, Aktionen und Freizeiten planen!

Der Preis für die verlorene Zeit ist hoch! Jungen Menschen wird mehr und mehr die Chance genommen, neben der Schule mit Gleichaltrigen soziale Verantwortung zu übernehmen. Sie verpassen damit ein Stück Lebenserfahrung, die meiner Generation noch geschenkt war. Auch für die Gesellschaft – für den Staat – geht damit eine Menge verloren. Schade.

Sußebach fragt in seinem Brief, was wohl geschehen würde, wenn z.B. Lokführer plötzlich 15% mehr arbeiten müssten? Es gäbe einen Aufschrei, meint er (und auch ich). Demos. Streik.
Aber jungen Menschen kann man das ja zumuten.
Oder?

Bildquelle: Mariesol Fumy / www.jugendfotos.de

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1 comment

  1. Danke für den Hinweis zu dem Artikel in der „Zeit“ und deine sehr gelungene Stellungnahme diesbezüglich!
    Dein Kommentar trifft voll und ganz meine Meinung!
    Ganz abgesehen von vielen anderen „Späßen“, die sich unsere Politiker in Fragen der Bildung erlauben.
    Es gäbe viele Möglichkeiten das Bildungswesen drastisch zu verbessern, aber man muss ja jedem Trend folgen, Hauptschulen lieber abschaffen, statt die Möglichkeiten für solche Schulen zu verbessern (ein Hoch auf Bayern, das sich tapfer widersetzt!); die im ganzen Ausland sehr anerkannten alten deutschen Studienabschlüsse lieber einstampfen und neue aus dem Hut zaubern, etc.
    Hauptsache die Schüler kommen noch früher auf den Arbeitsmarkt um sich länger als die vorherigen Generationen bis zur Rente abzumühen – was viele wegen Depressionen, Burnout und völliger Überlastung gar nicht schaffen können. Alle Anforderungen wachsen, die Zeitfenster für Freizeit und Ausgleich, sodass der Geist bei all der Arbeit gesund bleiben kann, werden hingegen verwehrt…
    Traurig. Unverantwortlich. Gefährlich.

Dein Senf...