Impulse aus Frankreich für unsere Pastoral

bischof stengerTroyes – ein 600tausend-Katholiken-Bistum in Frankreich: 60 Seelsorgeeinheiten (ehemals 400 Pfarreien), knapp 45 Priester und ca. 60 hauptamtliche Mitarbeiter über das Bistum verteilt. „Große Verwaltungsprobleme haben wir in Frankreich nicht-„, so Bischof Stenger, „wir haben ja nicht so viel, was wir verwalten könnten…“ Dabei macht er jedoch weder einen traurigen noch einen resignierten Eindruck auf die Zuhörer des voll besetzten Vorlesungssaales.

„Impulse aus Frankreich für unsere Pastoral“ – das ist das Thema des Fortbildungstages, der so viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Bistums Speyer am 10. Februar in das Priesterseminar gelockt hat. Vielleicht ist das der erste Impuls, den sie mit nach Hause nehmen: Schwerwiegende Veränderungen, wie sie auch unser Bistum derzeit erfährt, müssen noch lange kein Anlass zur Untergangsstimmung sein.

1. Die Situation – von der Berufung der Kirche

Am Beispiel des französischen Bistums Troyes stellt Stenger seine Vision der Kirche in der Welt von heute vor: Die Kirche sei keinesfalls dazu berufen Museum oder Friedhof zu sein: Ihre Aufgabe sei es, gangbare und lebendige Wege zu finden, um Christus in die Welt von heute zu tragen. Unter dem Motto „Proposer la foi“ (den Glauben vorstellen / vorschlagen / bekanntmachen) versucht die Kirche Frankreichs, solche Wege zu gehen.
Natürlich gebe es eine Krise des Glaubens, so Stenger. Diese komme aber nicht von ungefähr. Dahinter stehe die Krise der Wirtschaft und der Gesellschaft: Viele junge Franzosen vertrauen nicht mehr den Idealen der „Alten“ und deren Vorstellungen, die uns – so die Jugendlichen – „ja auch nicht gerade glücklicher gemacht haben.“ Wie kann dann die Kirche in der Gesellschaft ihren Beitrag leisten, wenn es an Vertrauen und an Mitteln so mangelt?

2. „Proposer la foi“ – In diesem Satz sei das gesamte Programm schon enthalten:

  • Es gehe eben nicht darum, den Menschen den Glauben einfach nur vorzusetzen (nach dem Motto „Friß oder stirb“). „Proposer“, so Stenger, bedeutet, den Glauben anzubieten – ihn schmackhaft zu machen.
  • WAS bieten wir an – oder: Was ist das Besondere an dem Glauben, den wir anbieten? Wenn die Kirche nicht hinter ihrem Glauben an Gott steht, der in Jesus Christus zu den Menschen gekommen ist, biete sie nur ein leeres Paket an, das neben anderen Glaubensüberzeugungen nicht gerade einen attraktiven Eindruck mache.
  • WIE bieten wir unseren Glauben an? Die Kirche habe oft den Fehler gemacht, den Glauben zwar vorzuschlagen, nicht aber den Menschen zuzuhören. Beides gehöre unbedingt dazu. Die Kirche habe nicht den Auftrag, sich selbst gegen die „böse Welt“ zu verteidigen, sondern „sie ist dazu berufen, die Menschen zu verteidigen“. Dazu gehöre auch, so Stenger, den Menschen anzubieten, am „inneren Leben der Kirche teilzuhaben“. Proposer la foi bedeute, die Menschen einerseits einzuladen und ihnen andererseits Zeugnis des vielfältigen christlichen Lebens zu geben.

3. „Dieu se propose dans la crise lui-meme.“ – Gott stellt seine Lösungen in der Krise selbst vor.

Durch die schwierige Situation der französischen Kirche, so Stenger, habe Gott selbst gewirkt und neue Wege gezeigt: So war man im Bistum Troyes geradewegs dazu gezwungen, etwas angesichts des immensen Priestermangels zu unternehmen. In einem Diözesanprojekt wurden aus 400 Pfarreien 60 Seelsorgeeinheiten gebildet, die von gewählten Gemeindemitgliedern gemeinsam mit jeweils einem Priester moderiert werden (Equipe Pastoral). Dabei habe man neu entdeckt, wie dringend notwendig es ist, den Getauften das Übernehmen von Verantwortung zu erlauben.
Die Gemeinden seien nicht mehr „Dienststellen“ eines Priesters, sondern ein Raum, in dem Christen gemeinsam ihr Leben austauschen: In den Gruppen, Gemeinschaften, Bewegungen und Kreisen, die ihre Aufgabe als Glieder des Leibes Christi wahrnehmen. Vom „Ämterbegriff“, wie wir ihn in Deutschland kennen, habe sich die französische Kirche längst verabschiedet: So sei es wichtig, den Getauften „Ämter“ in der Kirche zu geben, durch die sie ihr Taufpriestertum wahrnehmen können – auch in leitender Funktion vor Ort. (Natürlich seien diese Ämter nicht mit dem Amtspriestertum zu verwechseln)
Immer wieder macht Stenger deutlich, daß er auf keinen Fall eine Verwischung des Taufpriestertums mit dem Amtspriestertum bezweckt: Vielmehr gehe es darum, die Charismen zu entdecken und zu fördern – sich nicht an Strukturen festzuklammern.
„Ohne die Ehrenamtlichen – und vor allem ohne die Frauen,“ so Stenger, „gäbe es in Frankreich heute keine Kirche mehr.“

„Die Kirche ist dazu berufen, ein Ausrufezeichen in der Welt zu sein!“ Um im Bild des „Leibes Christi“ zu bleiben: Nur wenn alle Glieder des Leibes fest anpacken, ist dieser lebendig und in der Lage, auf die Menschen zuzugehen – ihnen den Glauben anzubieten: Proposer la foi!

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