„Alter“ stöhne ich.
„Was schnaufst du schon wieder rum?“ fragt der Vierbeiner und trottet zu mir.
Ich halte ihm das Smartphone hin.
Etwas unbeholfen scrollt Phil mit der linken Vorderpfote durch meinen Social-Media-Feed. Dabei murmelt er irgendwas von Barrierefreiheit für Hunde in seinen Bart.
„Klare Sache“ meint er, als er mit dem Lesen fertig ist. „Du bist ein AfD-Fan. Eindeutig. Ein blauer Post nach dem Anderen.“
„Nicht witzig“ sage ich. „Gar nicht witzig. Mein ganzer Algorithmus geht vor die Hunde.“
„Hey“ protestiert Phil.
„Jaja. Du weißt schon, was ich meine.“
„Selbst schuld. Was klickst du auch dauernd auf irgendwelche rechten Posts?!“
„Was soll ich denn machen“ beschwere ich mich. „Ich will halt wissen, welchen Dünnpfiff die wieder von sich geben.“
„Tja. Und jetzt wird dein Feed halt mit blauem Mist geSHITstormt.“ kichert der Hund.
Ich schnaufe.
„Du, Carsten?“
„Ja, Phil?“
„Kennst du eigentlich die Häufchentheorie?“
„Nee. Noch nie gehört. Von wem kommt die? Platon? Aristoteles? Kant? Hegel? Heidegger?“
Phil lupft die Augenbrauen und setzt seinen Professorenblick auf. „Noch viel lernen du musst, junger Padawan“ sagt er und fordert mich auf, mitzuschreiben. Ich nehme Block und Stift in die Hand und mache Notizen, während der Hund doziert.
„Unter Experten“ führt Phil aus „wird die ‚Häufchentheorie‘ vorzugsweise mit dem lateinischen Fachbegriff ‚Theoria stercoris‘ tituliert. Im englischen Sprachraum trägt sie den etwas vulgären Namen ‚Poop Theory‘. Wobei ich ja eher die französische Bezeichnung bevorzuge: ‚La théorie de la crotte‘. Ihr Urheber ist der äußerst renommierte junge Philosoph Pieh Dabbeljuh“
Ich lege den Stift zur Seite und muss kichern.
„Kann es sein“ frage ich „dass das Kürzel P.W. für Phil aus Winnweiler steht?“
„Etwas mehr Respekt bitte“ ermahnt mich der Hund mit strengem Blick.
„Entschuldigen Sie, Herr Professor. Hätten Sie die Güte, mir mitzuteilen, was jene Theorie besagt?“
„Aber gerne doch. Die ‚Théorie de la crotte‘ postuliert, dass voluminöse Akkumulationen aufgrund ihrer komplexen olfaktorischen Signatur eine signifikante Attraktivität auf ein breites Spektrum biotischer Organismen ausüben.“
Ich notiere: Je größer der Misthaufen, desto mehr Fliegen.
Phil nickt und ergänzt: „Zudem wird dargelegt, dass mit zunehmender Dichte der Ablagerungen die statistische Wahrscheinlichkeit einer Kontamination und der daraus resultierenden Verschleppung korreliert. Hierbei agiert die Volumengröße der Einzelobjekte als vernachlässigbare Variable innerhalb des Übertragungsprozesses.“
Ich notiere: Viele Haufen. Sch… an den Schuhen. Stinkt.
Der Hund nickt erneut und lächelt stolz.
„Also“ sag ich „Deine Theorie versteh ich ja. Aber was hat sie bitte mit meinem Social-Media-Feed zu tun? Und mit der AfD?“
„Ernsthaft?“ rügt mich der Vierbeiner. „Ist doch logisch: Je größer die menschenverachtenden und rechtsextremen Haufen sind, die von der AfD abgesondert werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es Fliegen gibt, die den Mist gut finden. Und je mehr Häufchen von der AfD verteilt werden, desto mehr Leute treten rein. Ob sie wollen oder nicht. Und dann kommen noch so Typen wie du, schnuppern dran und wundern sich, dass der Geruch nicht mehr aus der Nase geht…“
„Boah Phil. Das ist schon ein bisschen eklig.“ schüttele ich mich.
„Was erwartest Du? Kackhäufchen stinken halt. War schon immer so.“
„Hast ja Recht“ sage ich. „Aber hat der Herr Philosoph auch konkrete Ratschläge zum Umgang mit der Théorie de la crotte?“
„Schwierig“ erwidert Phil „Das erfordert ein konsequentes und vor allem auch ausdauerndes Handeln unter Beachtung mehrerer Optionen.“
„Zum Beispiel?“
„Wie wär’s mit einer Bildungsoffensive? Man müsste den Menschen klarmachen, dass es wesentlich bessere Alternativen als braune Haufen gibt. Auch, wenn sie für manche verlockend duften. Man könnte damit beginnen, die unnütz herumliegenden Häufchen zu entfernen. Damit weniger Leute reintreten. Dabei ist es übrigens kontraproduktiv, einfach andere Häufchen neben die AfD-Häufchen zu setzen, um die Leute von der AfD wegzubringen. Kacke bleibt Kacke. Auch, wenn sie anders riecht. Schließlich bin ich der Meinung, dass ein konsequentes Verbot durchaus hilfreich wäre: Wenn einer ständig auf’s Grundgesetz sch…, sollte man dem den Riegel vorschieben.“
„Also für mich klingt das logisch. Nicht sehr angenehm, aber logisch.“
„Sag ich doch“ lächelt der Vierbeiner.
„Aber was ist denn jetzt mit meinem kaputten Feed?“
Der Hund hebt die Schultern. „Naja. Solange die Häufchen da rumliegen und ständig neue dazukommen, wirst du damit leben müssen, dass es hin und wieder stinkt. Ignorieren bringt nix. Engagement für eine saubere Umwelt dagegen schon.“
„Geht das auch etwas konkreter?“
„Klar“ sagt Phil. „Erstens: Rechte Inhalte nicht liken, kommentieren oder teilen. Der Algorithmus kennt keinen Unterschied. Zweitens: Demokratische Initiativen aktiv unterstützen und sichtbar machen. Drittens: Die Häufchen-Theorie weitergeben. Denn wer sie einmal verstanden hat, ist vorsichtiger unterwegs.“
P.S.: Herzliche Einladung zur „Demo für Menschenwürde und Demokratie“ am Samstag, 21.02.26, ab 11 Uhr auf dem Schulhof der IGS Rockenhausen.
P.P.S.: Mehr Geschichten und Gespräche mit Phil gibt’s in unserem Buch „Ziemlich bester Hund“.
