Fragwürdige Allianzen

Der Theologe Johannes Hartl gibt dem rechtspopulistischen Medienportal NIUS ein Interview. Diese Allianz ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer systematischen Anbiederung an rechte Netzwerke. Rechtskonservative evangelikale Wahrheitsansprüche und ihre Kulturkampf-Rhetorik passen perfekt zur Agenda von NIUS. Wer sich als Theologe solchen Plattformen zur Verfügung stellt, trägt Mitverantwortung für deren demokratiefeindliche Wirkung.

Eine unheilige Allianz

Am 27. Januar 2026 veröffentlichte NIUS ein 37-minütiges Interview mit dem Theologen und Philosophen Johannes Hartl. Der Titel klingt alarmierend: „Wir sind als Gesellschaft in Gefahr, Abschied von der Realität zu nehmen.“ Doch relevanter als Hartls Thesen ist die Frage: Warum lässt sich ein katholischer Theologe ausgerechnet von NIUS interviewen – und was sagt das über ihn?

NIUS ist keine neutrale Plattform, sondern das rechtspopulistische Medienprojekt von Julian Reichelt, dem ehemaligen BILD-Chefredakteur. Mit NIUS positioniert er sich als „alternatives“ Medium gegen den vermeintlichen Mainstream, bedient klassisch rechtspopulistische Narrative und gibt regelmäßig rechtsextremen und verschwörungsideologischen Positionen Raum. Die Plattform ist kein journalistisches Medium, sondern ein politisches Kampagnen-Instrument.

Eine bewusste Entscheidung

Johannes Hartl ist ein kluger Kommunikator und weiß genau, wo er auftritt. Seine Entscheidung, sich von Ralf Schuler für NIUS interviewen zu lassen, ist keine Unachtsamkeit, sondern eine bewusste politische Positionierung. Hartl legitimiert durch seine Teilnahme eine rechtspopulistische Plattform und verleiht ihr durch seine theologische Autorität Seriosität.

Diese Allianz folgt einer Logik: Sowohl NIUS als auch Hartls Gebetshaus Augsburg inszenieren sich als Gegenbewegung zu einem vermeintlich dekadenten oder relativistischen Mainstream. Beide reklamieren „Wahrheit“ für sich, beide sehen die Gesellschaft in Gefahr, beide arbeiten mit Untergangsszenarien. Hartls Kernaussage im Interview passt perfekt in dieses Narrativ: „Es gibt nämlich nicht beliebig viele Wahrheiten. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft wirklich in Gefahr sind, Abschied von der Realität an vielen Stellen zu nehmen.“

Wahrheit als Waffe

Diese Rhetorik ist rhetorisch geschickt, aber demokratietheoretisch gefährlich. Sie delegitimiert Pluralität, diffamiert Perspektivenvielfalt als Beliebigkeit und konstruiert eine autoritäre Wahrheitsinstanz – bei Hartl religiös begründet, bei NIUS politisch inszeniert. Wer „Realität“ und „Wahrheit“ exklusiv für sich beansprucht, schließt andere automatisch vom Diskurs aus.

Entlarvend ist Hartls Vergleich von religiöser Mission mit Thermomix-Werbung oder Fußballclub-Begeisterung. Er verschleiert damit den fundamentalen Unterschied: Wer für ein Küchengerät wirbt, erhebt keinen absoluten Wahrheitsanspruch und will nicht die Weltanschauung anderer Menschen grundlegend verändern.

Die Kommentarspalte spricht Bände

Ein Blick in die Kommentare zeigt, wer sich von dieser Allianz angesprochen fühlt: Lobeshymnen auf Hartls „Klarheit“, Freude über „Wahrheit gegen Wokismus“, Verachtung für „Gutmenschen“ und die „satanischen Amtskirchen“. Die Schnittmenge zwischen charismatischer Frömmigkeit und rechtspopulistischem Ressentiment wird hier sichtbar.

Kein Zufall, sondern Strategie

Hartl ist kein naiver Theologe, der versehentlich bei der falschen Plattform gelandet ist. Er ist ein Medienprofi, der genau weiß, welches Publikum er bei NIUS erreicht – und dass er es erreichen möchte. Seine Teilnahme zeigt eine bewusste politische Positionierung im rechtspopulistischen Spektrum, eine strategische Allianz zur Verbreitung seiner Botschaft und eine inhaltliche Nähe zu NIUS‘ Kulturkampf-Rhetorik.

Die Verbindung von konservativ-charismatischer Theologie und rechtspopulistischer Politik ist kein deutsches Unikum, sondern ein internationales Phänomen: von evangelikalen Trump-Unterstützern in den USA über Bolsonaro-nahe Pfingstkirchen in Brasilien bis zu katholischen Traditionalisten in europäischen Rechtsbewegungen.

Theologische Verantwortung

Das NIUS-Interview mit Johannes Hartl ist mehr als ein theologisches Gespräch – es dokumentiert eine gefährliche Allianz zwischen religiösem Fundamentalismus und rechtspopulistischer Agitation. Hartl legitimiert diese Plattform durch seine Teilnahme und verleiht ihr durch seine theologische Autorität Glaubwürdigkeit.

Wer „Wahrheit“ und „Realität“ für sich reklamiert und dies auf einer Plattform tut, die systematisch demokratische Institutionen diskreditiert, muss sich fragen lassen: Welcher Gesellschaft dient diese Allianz? Und welchem Gott?

Die katholische Kirche und theologisch verantwortliche Stimmen sind gefordert, diese Entwicklung kritisch zu benennen. Nicht jede mediale Reichweite ist legitim – und nicht jede Plattform dient dem Evangelium, auch wenn sie von „Wahrheit“ spricht.

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