Wenn Missbrauch zur Nebelkerze wird

Johannes Hartl hat in der Zeitschrift „Communio“ des Herder-Verlags eine Kolumne über den Epstein-Skandal verfasst.

Darin schreibt er viel Richtiges und Wahres: Die Epstein-Files machen ein Netzwerk aus Macht, Geld und Missbrauch sichtbar, das über Jahrzehnte systematischen sexuellen Missbrauch an Minderjährigen und Frauen ermöglicht und gedeckt hat. Seine Schlussfolgerung, die ich teile: Das Böse existiert. Menschen sind verführbar und werden zu Tätern.

Bis dahin: Alles korrekt.
Ab hier: Wird’s schwierig.

Denn an dieser Stelle entzündet Hartl eine Nebelkerze, die vom eigentlichen Thema (Missbrauch) ablenkt und vielerlei Fragen aufwirft. Schuld, so Hartl, sei die zunehmende Säkularisierung der Moderne. Die Ideologie der freien Selbstentfaltung mache Menschen anfällig dafür, zu Tätern zu werden.

Dass er damit Millionen von Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen (ohne Kinder zu missbrauchen) diffamiert und in eine schmuddelige Ecke stellt, ist nur ein Randaspekt, auf den ich nicht weiter eingehe.

Viel dringender ist folgende Frage:
Hartl stellt die These auf, die Säkularisierung sei die Triebfeder, welche Missbrauch befördert und ermöglicht. Wie konnte es dann passieren, dass Missbrauch ausgerechnet in nicht-säkularen Feldern – insbesondere in religiösen Systemen – strukturell mindestens genauso verbreitet ist?

Ob es Absicht oder ein blinder Fleck ist – das Ergebnis ist dasselbe: Seine These lenkt den Blick weg von Systemen, die er selbst mitverantwortet. Sie ist wissenschaftlich nicht haltbar und leistet damit der Aufarbeitung und Prävention sexualisierter Gewalt einen Bärendienst.

Was die Missbrauchsforschung seit Jahren klar belegt: Nicht die Weltanschauung entscheidet darüber, ob jemand zum Täter wird. Entscheidend sind Machtsysteme. Unkontrollierte Macht. Fehlende Transparenz. Schweigekulturen. Strukturen, in denen eine Person unantastbar ist und Kritik als Illoyalität gilt.

Das gilt für Epsteins Netzwerk. Es gilt für Sportverbände und Musikschulen. Es gilt für die katholische Kirche. Und es gilt für charismatische Gemeinschaften wie das Gebetshaus Augsburg, das Johannes Hartl leitet.

Das „säkulare“ System Epstein hat Strukturen genutzt, welche Missbrauch begünstigen und im großen Stil ermöglichen und verdecken. „Religiöse“ Systeme nutzen die gleichen und ähnliche Strukturen für sexualisierte und spirituelle Gewalt: Spirituelle Autorität, die nicht hinterfragt werden darf. Gemeinschaften, in denen Loyalität über Wahrheit geht. Führungspersönlichkeiten, deren Charisma Kritik im Keim erstickt.

Hartls Text und These lenken den Blick nach außen. Auf die liberale moderne Welt. Deren säkulare Grundhaltung sei es, welche Missbrauch begünstige. Die eigene Institution, die eigenen Systeme bleiben jedoch im Dunkeln und werden nicht benannt. Zufall oder Absicht? Die Fragen, die auch an das Gebetshaus Augsburg und an evangelikale, freikirchliche und charismatische Gemeinschaften gestellt werden – zu Missbrauch, zu Machtstrukturen, zu fehlender Rechenschaft – tauchen nicht auf.

Ehrlich wäre es, sich auf die Seite der Betroffenen zu stellen. Ihren Geschichten zuzuhören. Konsequenzen zu ziehen.
Ehrlich wäre es, jene ernstzunehmen, die sich mittlerweile seit Jahren wissenschaftlich mit dem Phänomen des Missbrauchs beschäftigen.
Ehrlich wäre es zu sagen: Missbrauch geschieht überall dort, wo Macht unkontrolliert ist – auch bei uns.
Ehrlich wäre es, die eigenen Systeme zu überprüfen und veränderbar zu machen – nicht zu verteidigen.

Das wäre prophetisch. Das wäre mutig.
Das würde den Opfern wirklich gerecht.

Was stattdessen bleibt: Ein Text über Missbrauch, der die eigene Verantwortung nicht benennt. Hartl nutzt Missbrauch – und damit die Betroffenen – als Illustration für eine spirituelle Agenda. Das ist nicht Aufklärung. Das ist Instrumentalisierung.

#Missbrauch #Aufarbeitung #Prävention #JohannesHartl

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