Eine Antwort auf Bischof Osters Bilanz des Synodalen Weges
Bischof Stefan Oster hat nach der letzten Versammlung des Synodalen Weges einen langen, theologisch ambitionierten Text veröffentlicht. Er trägt den Titel „Die Selbstsäkularisierung setzt sich fort“ – und damit steht die Diagnose bereits fest, bevor die Argumentation beginnt. Das ist symptomatisch für den gesamten Text: Er gibt sich nachdenklich, abwägend, demütig – und steht doch von der ersten Zeile an felsenfest. Was Oster vorlegt, ist keine Analyse. Es ist eine Verteidigungsschrift. Und sie verdient eine ehrliche Antwort.
Die Sakramentalität als Schutzschild
Osters theologisches Herzstück ist der Begriff der Sakramentalität. Er entfaltet ihn beeindruckend: Der Mensch als Zeichen Gottes, die Kirche als Sakrament der Vereinigung Gottes mit der Menschheit, das Wechselspiel von Zuspruch und Anspruch. Das ist theologisch sorgfältig gearbeitet, intellektuell anspruchsvoll – und doch in seiner Funktion im Text durchschaubar.
Denn Oster nutzt den Sakramentsbegriff nicht als Denkwerkzeug, sondern als Schutzschild. Er erklärt die gesamte sakramentale Ordnung für „nicht verhandelbar“ und folgert daraus, dass Reformen, die diese Ordnung berühren, unmöglich seien. Das ist ein Zirkelschluss: Die bestehende Lehre wird vorausgesetzt, um zu beweisen, dass die bestehende Lehre nicht geändert werden kann. Wer so argumentiert, immunisiert sich gegen jede Anfrage – und genau das ist das Problem.
Denn historisch hat sich das Sakramentsverständnis durchaus entwickelt. Die Siebenzahl der Sakramente wurde erst im 12. Jahrhundert fixiert. Das Eheverständnis hat sich mehrfach gewandelt. Die Theologie der Priesterweihe hat Brüche erlebt. Wer „Vertiefung und Differenzierung“ einräumt, aber substanzielle Veränderung kategorisch ausschließt, muss erklären, wo die Grenze liegt. Das tut Oster nicht.
Die MHG-Studie: Was Oster ausblendet
Oster behauptet, die Aufarbeitungsstudien belegten keinen Zusammenhang zwischen Zölibat, Homosexualitätsbewertung und Missbrauch. Das ist eine stark vereinfachte Lesart. Die MHG-Studie benennt sehr wohl systemische Faktoren: die klerikale Machtkonzentration, die unreife Sexualentwicklung im Kontext des Pflichtzölibats, die tabuisierende Sexualmoral als begünstigende Bedingungen. Oster pickt sich die Teile heraus, die seine Position stützen. Die anderen übergeht er.
Das ist nicht nur intellektuell unredlich – es ist gefährlich. Wer als Bischof die systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt selektiv liest, verweigert sich genau der Aufarbeitung, die er eingangs lobt. Die Betroffenenverbände haben immer wieder deutlich gemacht: Aufarbeitung, die keine strukturellen Konsequenzen nach sich zieht, ist keine Aufarbeitung. Sie ist Kosmetik.
Adam und Eva: Die theologische Naturalisierung der Geschlechterordnung
Besonders problematisch ist Osters Geschlechtertheologie. Er leitet aus der Bräutigam-Christologie – Christus als „neuer Adam“, Maria als „neue Eva“ – eine sakramentale Geschlechterordnung ab, die den Ausschluss von Frauen vom Priesteramt begründen soll. Diese Argumentation naturalisiert eine bestimmte Geschlechterordnung theologisch und erklärt sie für unveränderlich.
Was Oster nicht erwähnt: Die päpstliche Kommission zum Frauendiakonat hat festgestellt, dass es keine definitiven lehramtlichen Gründe gegen den Diakonat der Frau gibt. Innerkatholisch ist diese Argumentation hochumstritten – auch unter Theolog*innen, die sich der Tradition verpflichtet fühlen. Oster präsentiert eine Position als sakramentale Gewissheit, die in Wirklichkeit eine theologische Meinung ist.
Und ich frage mich: In welcher Welt ist es überzeugend, im Jahr 2026 den Ausschluss von Frauen von sakramentalen Ämtern mit einer Bräutigam-Metapher zu begründen? Was sagt diese Argumentation den Frauen in unseren Gemeinden, die seit Jahrzehnten den Großteil der pastoralen Arbeit leisten?
Der doppelte Standard bei Macht und Politik
Oster kritisiert den Synodalen Weg als „politisch“. Er wirft ihm vor, Mehrheiten zu instrumentalisieren, Medien zu bedienen, öffentlichen Druck auszuüben. Das ist bemerkenswert – denn sein eigener Text tut genau das. Er mobilisiert eine konservative Gegenöffentlichkeit, arbeitet mit klaren Lagerbildungen und nutzt seine mediale Reichweite als Bischof. Die Warnung vor Polarisierung betreibt selbst Polarisierung, indem sie die Gegenseite pauschal als „Selbstsäkularisierer*innen“ rahmt.
Die Sprache verrät viel. Die Reformer*innen verfolgen eine „Agenda“, üben „Druck“ aus, wollen „bloß weltliche Macht“. Die lehramtstreuen Gläubigen hingegen sind „einfach“, „treu“, suchen „Tiefe“. Diese asymmetrische Beschreibung ist rhetorisch wirksam, aber nicht fair. Und sie zeigt: Auch Oster betreibt Politik – er nennt sie nur anders.
Die Erneuerung, die Oster feiert – und was er verschweigt
Am Ende seines Textes verweist Oster auf Erneuerungsbewegungen junger Erwachsener in Frankreich, England und den USA, die Tradition, Liturgie und Tiefe suchten. Das ist nicht falsch. Aber es ist selektiv. Viele dieser Bewegungen sind auch mit identitären und politisch rechten Strömungen verflochten – ein Problem, das die französischen Bischöfe selbst thematisiert haben. Oster erwähnt das nicht.
Er erwähnt auch nicht, dass die von ihm kritisierten Reformthemen bei jungen Katholik*innen in Deutschland auf deutlich höhere Zustimmung stoßen als bei älteren. Wer die Jugend als Kronzeugin für die eigene Position anruft, sollte die ganze Jugend in den Blick nehmen – nicht nur den Teil, der ins Bild passt.
Die eigentliche Leerstelle: Sakrale Autorität und Missbrauch
Hier liegt die zentrale Leerstelle des Textes: Oster erkennt den Zusammenhang zwischen sakral überhöhter Autorität und Missbrauch an. Er benennt Klerikalismus und spirituelle Weltlichkeit als Wunden der Kirche. Aber er weigert sich, die sakrale Überhöhung selbst zu hinterfragen. Im Gegenteil: Er fordert mehr Sakramentalität, mehr geistliche Tiefe, mehr Verinnerlichung – als Antwort auf genau das Problem, das durch sakrale Überhöhung mitverursacht wurde.
Das ist, als würde man einem Patienten, der an einer Überdosis leidet, eine höhere Dosis empfehlen – nur diesmal die „richtige“. Die Logik lautet: Das Problem ist nicht die sakrale Struktur, sondern dass sie nicht heilig genug gelebt wird. Wenn nur alle Priester wirklich geistlich lebten, gäbe es keinen Missbrauch. Diese Argumentation entlastet die Struktur und belastet die Personen. Und sie ignoriert, was jede Aufarbeitungsstudie zeigt: Strukturen, die unkontrollierte Macht ermöglichen, erzeugen Missbrauch – unabhängig von der persönlichen Frömmigkeit der Machthabenden.
Was wäre nötig?
Oster fragt am Ende, wie die Kirche mit Macht umgehen soll. Das ist die richtige Frage. Aber seine Antwort – mehr geistliche Tiefe, mehr Heiligkeit, mehr Sakramentalität – ist keine strukturelle Antwort. Sie ist eine spirituelle Vertröstung.
Was nötig wäre: Eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Frage, ob sakramentale Strukturen, die im 4. und 5. Jahrhundert formuliert wurden, in ihrer konkreten Ausgestaltung tatsächlich unveränderlich sind. Eine Theologie, die nicht nur „Vertiefung“ zulässt, sondern auch die Möglichkeit, dass wir uns geirrt haben. Eine Kirche, die Kontrolle nicht als Angriff auf ihre Sakramentalität versteht, sondern als Ausdruck von Verantwortung. Und eine Führung, die bereit ist, Macht abzugeben – nicht weil der Synodale Weg es fordert, sondern weil es das Evangelium nahelegt.
Jesus hat niemandem sakrale Macht versprochen. Er hat den Jüngern die Füße gewaschen. Vielleicht liegt darin mehr Sakramentalität als in jeder noch so differenzierten Theologie des Priestertums.
Ein letzter Gedanke
Bischof Osters Text ist intellektuell beeindruckend. Er ist auch aufrichtig – das will ich nicht bestreiten. Aber er ist aufrichtig innerhalb eines geschlossenen Systems, das seine eigenen Voraussetzungen nicht hinterfragt. Und das ist am Ende das Problem: Nicht, dass Oster konservativ denkt. Sondern dass er konservatives Denken für sakramentale Wahrheit hält – und damit jede Reform zur Häresie erklärt, bevor sie überhaupt beginnt.
Die Kirche braucht Menschen, die aus der Tiefe der Tradition schöpfen. Aber sie braucht auch Menschen, die den Mut haben, diese Tradition weiterzudenken – nicht gegen Gott, sondern auf ihn hin. Nicht aus Zeitgeist, sondern aus Treue zu einem Evangelium, das immer größer ist als unsere Systeme.
Die Selbstsäkularisierung, die Oster beklagt, ist real. Aber ihre Ursache liegt nicht im Synodalen Weg. Sie liegt in einer Kirche, die seit Jahrzehnten die Zeichen der Zeit übersieht – und stattdessen die Sakramentalität dessen perfektioniert, was längst nicht mehr trägt.
