Ok, da ich nun Eure Aufmerksamkeit habe, hier ein etwas längerer Text, indem es auch um oben Geschriebenes geht. Und um sehr viel mehr. Danke.

Wir haben da ein Buch.

Nicht irgendein Buch.
DAS Buch.

Im ersten Teil dieses Buches wird die Geschichte eines kleinen Volkes erzählt, das über lange Zeiträume in seiner Existenz bedroht war. So sehr, dass jedes Paar, das Kinder zur Welt brachte, ein Segen für dieses Volk war. Sexualität hatte deshalb eine dermaßen starke soziologische Komponente, dass all jene Formen als verboten galten, die nicht zu einer geordneten Fortpflanzung führten. Weil es ums nackte Überleben der Gemeinschaft ging, konnte dies aus der Sicht jenes Volkes die einzige umsetzbare Option sein. Und damit: Gottes Wille. (Lev)

In diesem Buch wird auch beschrieben, wie damals (nur damals?) Menschen durch sexuelle Gewalt erniedrigt wurden. Auch jenes kleine Volk sah sich immer wieder mit solchen Angriffen konfrontiert. Verwundert und angewidert war es zudem von der Beobachtung, dass es in manchen fremden Kulturen seiner Zeit üblich war, aus kultischen Zwecken mit (meist männlichen) Kindern und Jugendlichen zu verkehren. Ganz klare Notiz im Buch: Das kann nicht Gottes Wille sein. (Gen)

Auch der zweite Teil des Buches beschreibt immer wieder den gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit. An wenigen Stellen wird deutlich, dass die griechische Antike eine durch und durch sexualisierte Zeit war. Kaum einer fand es anstößig, dass die wohlhabende Oberschicht sich gerne „Lustknaben“ als Sklaven hielt, um sich an diesen zu „vergnügen“. Paulus, einer der Autoren jenes Buches, fand es widerlich. Widerwärtig. Unnatürlich. Denn er hatte ein anderes Bild von Beziehung. Von Sexualität. Von Liebe. Darüber schrieb er. (Röm)

Was bleibt?

Wenn ich nun heute dieses Buch lese, kann ich es nur dann richtig verstehen, wenn ich all diese Hintergründe kenne. Täte ich das nicht, könnte ich seine Geschichten und Anliegen mißverstehen. Würde ich einzelne Aussagen oder Passagen aus ihrem Kontext herausreißen (und diese unter Umständen sogar bewusst verschweigen), würde ich das Buch nicht ernst nehmen. Es wäre schlichtweg unredlich und missbräuchlich.

Was bleibt noch?

Jenes Buch, die Bibel, verurteilt an manchen Stellen bestimmte Formen von Sexualität: Jene Formen, die unter den Vorzeichen von Gewalt und Erniedrigung stehen – und die meist anhand sexueller Handlungen unter Männern illustriert werden. Außerdem verurteilt es sexuelle Handlungen, welche das Gegenüber zum reinen Objekt der eigenen Lustbefriedigung machen. Weil hier die Beziehungskomponente ausgeblendet wird bzw. in eine Schräglage gerät.
Diese „Message“ klingt in meinen Ohren auch heute noch „gut“. Und richtig. Dahinter kann ich stehen.

Was bleibt außerdem?

Die wichtige Erkenntnis: Den Autoren dieses Buches war das Konzept homosexueller Beziehungen, die auf Treue, Verlässlichkeit, gegenseitiger Liebe und Respekt basieren, schlichtweg unbekannt. Deshalb schreiben sie nichts darüber. Nichts! Und darum kann man die Bibel nicht als Argumentationshilfe gegen ebensolche Beziehungen nutzen.
Moment: Kann man schon. Indem man den Kontext ausblendet. Und damit die Bibel mißbraucht. Womit sich für manche der Kreis schließt…

Was bleibt außer dem außerdem?

Man kann jenes Buch durchaus und sehr gut dazu nutzen, zu beschreiben, wie gelingende Beziehungen aussehen können. Das gilt dann allerdings nicht nur für heterosexuelle, sondern auch für homosexuelle Beziehungen. Und darüber hinaus für alle möglichen Beziehungen zwischen Menschen, die sich zusammenschließen, um an einer gerechteren Welt zu mitzubauen. Und damit zum Segen werden…

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