Eine Debatte über die Harry Potter-Kritik von Gabriele Kuby – Man kann das auch ganz anders sehen – oder doch nicht?

Gabriele Kubys Potter-Kritik (VISION 6/03) hat eine Debatte zwischen einem Leser und der Autorin ausgelöst. Wir geben diese auszugsweise wieder, beschließen damit aber die Potter-Debatte.

Carsten Leinhäuser: Sie schreiben, Harry Potter sei in Ihren Augen ein „Langzeitprojekt zur Veränderung der Kultur“. Durch Ihre Auslegung des fünften Bandes versuchen Sie diese These zu unterstützen. Meine Gegenthese lautet, daß ihre Behauptung das Ergebnis einer leider einseitigen Auslegung Harry Potters ist.

Gabriele Kuby: Meine Sicht von Harry Potter (HP) stützt sich auf alle fünf Bände, die ich gründlich gelesen habe. Daß ein Multimedia-Projekt mit dem Verbreitungsgrad und der Dauer von HP auf das Bewußtsein der heranwachsenden Generation und damit auf die zukünftige Gestaltung der Gesellschaft Einfluß hat, wird kaum jemand bestreiten. Die Frage ist welchen. Meine Sorge ist, daß HP in der weitgehend glaubenslosen jungen Generation die Hemmschwelle zur Magie zerstört und sie so für okkulte Einflüsse öffnet. Dies halten Sie für ein Ergebnis einseitiger Interpretation.
Glauben Sie, daß HP positive Wirkungen haben wird, daß etwa die Liebe in den Familien wieder aufblühen, die Gewalt an den Schulen abnehmen und die Jugend in zehn Jahren zwischen Gut und Böse besser unterscheiden können wird? Wenn ein junger Mensch zwischen 6 und 16 Jahren in der Phantasie in einer Welt lebt, in der satanische Praktiken und Symbole den Alltag bestimmen und es nicht eine einzige vorbildliche Gestalt gibt, die um das Gute ringt, kann das nur schlimme Folgen haben. Wenn einmal die Folgen offensichtlich sind, wird man nicht verstehen, wie es möglich war, daß HP zum Megaseller wurde und selbst von den Kirchen empfohlen wurde. Unsere im Verfallsstadium befindliche Kultur schickt ihre Jugend mit Harry Potter in eine Schule für Zauberei und Hexerei.

Leinhäuser: Zunächst einige von Ihnen ausgelegte Stellen und mögliche Auslegungsalternativen:
Hogwarts sei „eine in sich geschlossene Welt der Gewalt und des Grauens…“ Alternative: Hogwarts spiegelt die „echte Welt“ wider, in der es viel Haß, Gewalt, etc. gibt. In dieser Welt müssen Harry und seine Gefährten ihren Weg finden. Die Frage ist: Wählen sie den guten und engen oder den schlechten und breiten Weg?

Kuby: Nein, Hogwarts spiegelt nicht die „echte Welt“ wider, sondern taucht den Leser in einer satanischen Phantasiewelt ein, aus der es keinen Ausweg gibt und aus der niemand einen Ausweg sucht. Der Kampf zwischen Gut und Böse spielt sich innerhalb des Bösen ab, ist also nur vorgetäuscht.

Leinhäuser: Harry sei von Voldemort derart besessen, daß er nicht mehr zwischen seinem und Voldemorts Willen unterscheiden könne. Antwort: Harry kann sehr wohl unterscheiden. Er leidet unter der Macht des Bösen, die ihn einzuvernehmen droht. Jedoch kämpft er dagegen an.

Kuby: Harry wird im Zustand der Besessenheit geschildert, in dem er z.B. größten Schmerz und ekstatischen Jubel gleichzeitig empfindet, ohne eine Ahnung zu haben, was ihm geschieht. Daß er darunter bewußt leidet und sich davon befreien will, wird nicht geschildert. Die Maßnahmen des „guten“ Schuldirektors Dumbledore treiben ihn nur tiefer in diesen Zustand hinein.

Leinhäuser: Warum praktiziert Harry auf eigene Faust Magie und gründet die „Dumbledore Army“? Er schließt sich mit Gleichgesinnten zusammen, um gegen das Böse anzukämpfen. Solche Zusammenschlüsse werden in der echten Welt, in der Kirche nicht nur geduldet, sondern sogar gutgeheißen – wobei es in der echten Welt allerdings keine „magische Waffen“ gibt.

Kuby: Der gute Zweck heiligt eben nicht die bösen Mittel. Es gibt keine „weiße Magie“, vielmehr verstrickt sich der Mensch mit okkulten Kräften, die ihn letztlich selbst zerstören. (Siehe dazu Katechismus, 2115-2117)

Leinhäuser: „Im Märchen sind Zauberer und Hexen fast immer Gestalten des Bösen“. Antwort: Das stimmt. In der Fantasy-Literatur, der Harry Potter ebenso wie der Herr der Ringe angehört, gibt es aber auch gute Zauberer.

Kuby: Anders als Gandalf im Herrn der Ringe, der den Weisen verkörpert, gibt es bei Harry Potter keine Gestalt, die das Gute will.

Leinhäuser: Die Magie in der Fantasyliteratur ist – im Gegensatz zur Magie in der echten Welt – nicht einfachhin zu verurteilen. Sie gehört zum Genre und sollte für Menschen, die zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden können, keine Gefahr darstellen. Kinder sind in dieser Hinsicht natürlich aufzuklären!

Kuby: Die Frage ist nicht, ob Kräfte eingesetzt werden, die in der normalen Welt nicht vorkommen, sondern welche Werte vermittelt werden. Bei HP wird Gut und Böse systematisch verwirrt.

Leinhäuser: „Einer der zahllosen Flüche, die die Schüler lernen, lautet „Crucio!“ Antwort: Allerdings kann Harry diesen verbotenen Fluch nicht wirklich benutzen. Warum? Weil er wirklich das Böse wollen muß, das dieser Spruch bezweckt. Und genau dieser Willen zum Bösen fehlt ihm.

Kuby: Harry ist mal gut, mal böse, nach Lust und Laune und ohne Konsequenzen. Die Stelle lautet: „Harry haßt, wie nie zuvor. Er flucht ‚Crucio!‘, aber Bellatrix schreit nur auf, windet sich nicht in Schmerzen wie Neville. Sie erläutert: ‚Du mußt wirklich quälen wollen, du mußt Freude daran haben. Berechtigte Wut kann mir nichts anhaben. Soll ich dir eine Lektion erteilen?‘ (Band V, englische Ausgabe, S. 715, Übers. Gabriele Kuby)
Genau hier zeigt sich das Problem. Weil Harry „berechtigte Wut“ hat, ist es in Ordnung, daß er den Fluch „Crucio“ anwendet. Daß dieser Fluch nicht so stark wirkt, ist nicht sein Verdienst. Das genau meine ich mit raffinierter Zerstörung der christlichen Werte. Ein Christ muß lernen, nicht zu hassen und sich nicht vom Haß regieren zu lassen, denn der Mensch zerstört dadurch andere und letztlich sich selbst. Das Bemühen, sich von berechtigter Wut nicht steuern zu lassen, meine ich mit Ringen um das Gute. Es kommt auf 3.000 Seiten nicht vor.

Leinhäuser: Frau Kuby schreibt: „Weil ich glaube, daß wir auf Gott angewiesen sind, um aus den Sackgassen herauszukommen, in die wir uns verrannt haben, halte ich Harry Potter für Gift.“ Natürlich haben Sie mit Ihrem ersten Satz Recht. Die Schlußfolgerung, Harry Potter sei deswegen Gift, ist jedoch weit übertrieben. Harry Potter hat keineswegs die Absicht, Menschen aus Sackgassen herauszuhelfen. Seine Intention ist es, die Menschen zu unterhalten. Dabei kann er sogar lehren, wie schwer der Kampf gegen das Böse sein kann und wie leicht man angreifbar ist.

Kuby: Ich halte es für eine kulturzerstörende Verblendung unserer Zeit, daß das Böse zum überwiegenden Stoff der Unterhaltung geworden ist.