Botschaft des Heiligen Vaters zum Weltjugendtag 2004

5. Liebe Freunde, wenn ihr lernt, Jesus in der Eucharistie zu entdecken, werdet ihr ihn auch in euren Brüdern und Schwestern entdecken können, besonders in den Ärmsten. Die in Liebe und inniger Anbetung empfangene Eucharistie wird eine Schule der Freiheit und Liebe, um das Gebot der Liebe zu erfüllen. Jesus spricht zu uns mit der wunderbaren Sprache der Selbsthingabe und Liebe bis hin zur Hingabe des eigenen Lebens. Ist das eine einfache Rede? Keineswegs, und das wisst ihr! Die Selbstvergessenheit ist nicht einfach; aber sie hält uns ab von Besitz ergreifender und narzisstischer Liebe, um so die Menschen für die Freude der schenkenden Liebe zu öffnen. Diese eucharistische Schule der Freiheit und Liebe lehrt, die oberflächlichen Gefühle zu überwinden, um sich in dem zu verankern, was wahr und gut ist; sie befreit vom Rückzug auf sich selbst und befähigt, sich den anderen zu öffnen, sie lehrt, von der affektiven zur effektiven Liebe zu gelangen. Denn Lieben ist nicht nur ein Gefühl; es ist ein Akt des Willens, der darin besteht, das Wohl des anderen beständig dem eigenen Wohl vorzuziehen: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt” (Joh 15,13).

Es ist mit dieser inneren Freiheit und brennenden Liebe, mit der Jesus uns erzieht, damit wir ihn in den anderen, vor allem im entstellten Antlitz des Armen, begegnen. Die selige Theresa von Kalkutta pflegte ihre „Visitenkarte” zu verteilen, auf der geschrieben stand: „Die Frucht der Stille ist das Gebet; die Frucht des Gebetes der Glaube, die Frucht des Glaubens die Liebe, die Frucht der Liebe der Dienst, die Frucht des Dienstes der Friede”. Das hier ist der Weg der Begegnung mit Jesus! Geht allem menschlichen Leiden entgegen mit dem Eifer eurer Hochherzigkeit und mit der Liebe, die Gott in eure Herzen durch den Heiligen Geist eingießt: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan” (Mt 25,40). Die Welt braucht dringend das große prophetische Zeichen der Nächstenliebe! Es genügt nicht, von Christus zu „reden”; man muss ihn gleichsam „sichtbar” werden lassen durch das beredte Zeugnis des eigenen Lebens (vgl. Novo millennio ineunte, 16).

Und vergesst nicht, Christus zu suchen und seine Gegenwart in der Kirche zu erkennen. Sie ist gleichsam die Verlängerung seines Heilswirkens in Raum und Zeit. In ihr und durch sie macht sich heute Christus weiterhin sichtbar und lässt sich von den Menschen finden. Seid einander gastfreundlich in euren Pfarreien, Bewegungen und Gemeinschaften, um so die Gemeinschaft untereinander wachsen zu lassen. Das ist das sichtbare Zeichen der Gegenwart Christi in der Kirche, trotz der trüben Trennwand, die oft durch die Sünde der Menschen dazwischen gestellt wird.

6. Seid nicht überrascht, wenn ihr dem Kreuz auf eurem Weg begegnet. Hat denn nicht Jesus seinen Jüngern gesagt, dass das Weizenkorn in die Erde fallen und sterben muss, damit es reiche Frucht bringt (vgl. Joh 12,23-26)? Damit zeigte er an, dass die Hingabe seines Lebens bis in den Tod fruchtbar sein würde. Ihr wisst es: nach der Auferstehung Christi wird der Tod nie mehr das letzte Wort haben. Die Liebe ist stärker als der Tod. Wenn Jesus den Kreuzestod angenommen und ihn zur Quelle des Lebens und Zeichen der Liebe gemacht hat, so ist dies weder aus Schwäche noch aus Gefallen am Leid geschehen. Er hat es getan, um für uns das Heil zu erlangen und uns schon jetzt an seinem göttlichen Leben Anteil zu gewähren.

Dies ist gerade die Wahrheit, die ich den Jugendlichen der Welt ins Gedächtnis zurück rufen wollte, als ich ihnen das große Holzkreuz am Schluss des Heiligen Jahres der Erlösung, im Jahre 1984, übereignete. Seitdem hat es in der Vorbereitung eurer Weltjugendtage verschiedene Länder zurückgelegt. Hunderttausende von Jugendlichen haben an diesem Kreuz gebetet. Zu seinen Füßen haben sie die Bürden gelegt, mit denen sie belastet waren, und haben entdeckt, dass sie von Gott geliebt sind, und viele von ihnen haben sogar die Kraft gefunden, ihr Leben zu ändern.

In diesem Jahr, dem XX. Jahrestag jenen Ereignisses, wird das Kreuz feierlich in Berlin empfangen, von wo aus es durch ganz Deutschland pilgern und im kommenden Jahr Köln erreichen wird. Ich möchte euch heute erneut die Worte wiederholen, die ich seinerzeit gesprochen habe: „Liebe Jugendliche, … ich vertraue euch das Kreuz Christi an! Tragt es durch die ganze Welt als ein Zeichen für Christi Liebe zur Menschheit, und verkündet allen, dass wir nur im Tod und der Auferstehung Christi Heil und Erlösung finden können”.

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