Tag 20,3: Berufung

20130808-151602.jpgIch bin angekommen. Genau hier, im Schatten des alten Baumes vor der Kirche, habe ich vor 14 Jahren meinen ganzen Mut zusammengerafft und mich entschieden, das mit dem Priester werden mal zu versuchen. Hierher zu kommen ist wie nach Hause zu kommen.

Als ich am Abend mit den Menschen Gottesdienst feiere, wird mir bewusst, wie sehr dieser Ort und dieses Land meinen Weg und meine Art Priester zu sein geprägt haben.

Der Pfarrer kann hier nur einmal im Monat vorbeischauen, da er ein riesiges Gebiet zu betreuen hat. Die meisten Gottesdienste feiern die Dorfbewohner ohne Priester. Zweimal in der Woche (Mittwochs und Sonntags) gibt es einen Wortgottesdienst, den jeweils ein Gemeindemitglied leitet.

Die Menschen hier sind einfach. Sie arbeiten hart, verdienen wenig und haben ein großes Herz. Schon lange bevor der Gottesdienst beginnt, trudeln nach und nach Dorfbewohner in der Kirche ein. Sie knien sich kurz zum Gebet hin und setzen sich dann zum gemütlichen Erzählen in Grüppchen zusammen. Die Kirche ist hier tatsächlich ein Ort des Gebetes und der Gemeinschaft. Ein heiliger & lebendiger Ort.

Als der Gottesdienst beginnt, wird es still. Eine junge Frau holt das Allerheiligste aus dem Tabernakel und stellt es auf den Altar. Eine ältere Frau leitet das Gebet an. Wir singen, wir beten. Ich habe den Eindruck, dass viele Gebete frei formuliert sind. Es sind schlichte Gebete, die von Herzen kommen und offensichtlich das Leben der Menschen hier berühren.

Ohne Vorwarnung kommt ein alter Mann auf mich zu und bittet mich, das Evangelium vorzulesen. Ich lese es vor und will danach zu meinem Platz in der Bank zurückgehen, als plötzlich jemand in die Kirche reinruft, ich solle doch bitte auch noch predigen (“uma mensagem para nos”- “eine Botschaft für uns”). In meinem Kopf wird alles leer: Ohne Vorbereitung predigen. Und dann auch noch auf Portugiesisch…

Ich überlege kurz, denke mir “Jesus, jetzt musst du mir helfen” und fange an zu reden. Einfach; in gebrochenem Portugiesisch. Die Leute hören aufmerksam zu und ich sehe an ihren Blicken, dass sie mitgehen. Offensichtlich kommen meine Worte besser an, als manche akribisch vorbereitete Predigt Zuhause.

Nach ein paar Minuten bin ich fertig, sage “Amen” und Blicke in fröhlich strahlende Gesichter. Es wird geklatscht und ich verdrücke mich erleichtert auf meinen Platz inmitten der Leute. Zum Schluss werde ich von der Gottesdienstleiterin gebeten, noch ein letztes Mal nach vorne zu kommen und den Segen zu spenden.

Von hier aus gehe ich gestärkt weiter. Dankbar dafür, dass diese Menschen und die brasilianische Kirche mich und mein Priestersein geprägt haben.

Weite
Einfachheit
Freiheit

Diese drei Worte nehme ich heute mit.

Abraços e ficam com Deus.20130808-151612.jpg

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3 comments

  1. Hallo Carsten! Vielen Dank für diese kleine beeindruckende Erzählung.,,,:) Danke das man dies hier lesen darf … GLG

  2. Wow, wirklich sehr beeindruckend. Auch wenn ich nicht viel verstanden haette, waer ich gern dabei gewesen. Die Brasilianer wissen eben was Kirche bedeutet… 🙂

  3. Hallo Carsten,

    dieser Bericht (wie viele andere von Dir) ist sehr ergreifend.
    Deine Schilderung zeigt, dass es auch „mit weniger geht“. Damit meine ich nicht „mit weniger Gottvertrauen“, ganz im Gegenteil! Dieses Vertrauen scheint bei vielen Brasilianern größer zu sein als hier in Deutschland.
    Somit geht es mit weniger Priester, weil die Menschen wissen, dass es nicht anders geht. Vielleicht sollten wir uns von den Menschen dort eine Scheibe abschneiden.

    Danke für die tollen Berichte

Dein Senf...